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Insel aus Feuer und Eis: Island – Hvannadalshnúkur



Hvannadalshnúkur vom Skaftafellsheiði aus. Unten der Skaftafellsjökull 


http://www.youtube.com/watch?v=Y5jGcrEjW3w&feature=related


 

Auszüge:


 "Noch zehn Minuten. Noch einmal zehn Höhenmeter steil nach oben, dann stehen wir auf dem Gipfel im hellen Sonnenlicht. Um uns herum alles weiß, fast konturenlos vor gleißender Helligkeit, der Horizont mit dicken Wolken verschwimmend. Unendliche Weiten des Vatnajökull im Norden, die wir nur zum kleinen Teil überblicken können. Eigentlich schauen wir nur, ... 'nur!' ..., über die mit Schnee angefüllte, drei Kilometer weite Caldera des Öræfajökull; weiter reicht der Blick nicht, dann wird er von den Kumuluswolken in der Ferne verschluckt. Vor uns taumelt eine verworrene Kaskade von Eis und Felsabstürzen konfus dem nur zwanzig Kilometer entfernten Meer entgegen. Ein Blick auf die Uhr: 14 Uhr 20. Genau neun Stunden Gehzeit bis jetzt. Es geht kein Lüftchen. Welch ein Glück haben wir heute auf dem sonst oft so widerwärtig regnerischen und stürmischen Inseleiland! Ich gebe den Führern recht: Man kann das Wetter von unten aus nicht beurteilen. Oben steht man meist sowieso in der Sonne. Und heute ganz besonders."

 

Der Gipfel des Hvannadalshnúkur – nur ein kleiner Zweitausender


"Immer fällt es mir schwer, Gipfelaussichten so zu beschreiben, wie sie sind. Immer wird es nur ein Aufzählen von Fakten bleiben. Was sind nur die Namen der Berge und Täler, die da vor mir und unter mir liegen! Zu einer Aussicht gehört die überwältigende Stimmung, das Gefühl selbst dazuzugehören, das Gefühl, hier wenigstens kurz geduldeter Gast zu sein, das Aufsaugen, das In-sich-Hineinsaugen, das Festhaltenwollen, das Glück. Und dann kommt die Vernunft wieder hoch und sagt mir: 'Runter hier!' 'Zurück!'

In meinem Zelt rennen schwarze Laufspinnen herum, auf der Suche nach einem dunklen Winkel. Ganz besonders gut gefällt es ihnen hinter der Thermoskanne vorne links an meinem Zeltausgang, dahinter ist es auch noch warm dazu. Wenn ich sie zu sehr in die Enge treibe und fangen will, laufen sie schnell davon und verkriechen sich anderswo. Manche haben so unter meiner Luftmatratze ihren Tod gefunden und schauen jetzt aus dem Spinnenhimmel auf mich herab. Wenn sie aber rennen und nicht schnell genug ein neues Versteck finden, dann werfen sie sich blitzschnell auf den Rücken, winkeln die sechs Beinchen an und stellen sich tot. Ich wollte ich könnte das auch so gut in bestimmten Situationen. Vorhin hatte ich das Wort 'aufregend' gebraucht, für die wilden geologischen Umwälzungen, die Island durchpflügen. Würde ich mich totstellen können, wenn der Öræfajökull gerade jetzt – jetzt, wo ich ihn besteigen will – ausbrechen würde?"

 

Der bunte Brennisteinsalda im Þjórsárdalur

 

"Um 8 Uhr morgens geht der Bus von Skaftafell in Richtung Landmannalaugar. Hochrädrig, denn es müssen wieder Flüsse durchquert werden, auf Straßen, die sonst kein Normaler befahren würde. In Island schon. Hier scheint niemand normal zu sein, am wenigsten die Busfahrer, die die Lavawüsten auf unsicheren Pisten durchqueren. Oder ist das etwa die Norm? Eine ganz andere Norm, als ich gewöhnt bin? Meine Tragetasche fährt mit dem Fahrer weiter, der sie irgendwie zum Campingplatz Húsadalur bei Þórsmörk bringen soll, wo ich sie vier Tage später vorfinden will. Vier Tage will ich von Landmannalaugar aus nach Süden vorstoßen, über Höhen, Grate, Bergrücken und Täler.

Und dann eine Tragetasche wieder finden? Ein Papier habe ich angeheftet, adressiert an den Aufseher des Campingplatzes Húsadalur, worauf ich angekündigt habe, daß ich 'etwa' um den 16. Juli herum vorbeikäme. Der Busfahrer sagt, das sei alles ganz recht so. In Island ist das alles möglich, was in sogenannten zivilisierten Ländern unmöglich wäre. Und zwar kostenlos. Island tut alles für wanderbegeisterte Fremde. Was sind das für merkwürdige Sitten – rasend teuer, wenn ich in Supermärkten einkaufe, aber billig die Zeltplatz-Gebühren und sogar kostenlos die Dienste der abenteuerlichen Busfahrer? Was sind das für Leute?"

 

Aufstieg auf dem Laugarvegurinn zwischen Landmannalaugar und Þórsmörk

 

"Den Busfahrer heute, auf der Strecke der Firma Austurleið SBS nach Landmannalaugar, schätze ich als Student ein, der einen Ferienjob macht. Verdreckte Bluejeans, dicke Fleecejacke, T-Shirt darunter, buntes, flatterndes Kopftuch um die Stirn gewickelt, hinten zugebunden, Stiefel; vielleicht ist er 23 Jahre alt. Alle möglichen Päckchen lädt er ein und aus. Eine Werkzeugkiste hat er auch dabei, für alle Fälle, und einen Spaten. Ein Funkgerät ist am Armaturenbrett festgeschnallt. Die Landkarte liegt griffbereit am Boden neben dem Fahrersitz, beschwert mit einem Rucksack mit Tagesproviant. Aus einer abgegriffenen Ledertasche zieht er Wechselgeld und Fahrscheine; aber ein Plastikgerät zum Durchziehen von Kreditkarten hat er auch. Ich frage ihn, ob er Student sei. 'Nein', sagt er, 'ich mache diese Arbeit über die Sommersaison, und danach werden wir sehen'. Danach bricht der Winter herein, das bedeutet, daß die Nebenstrecken nicht befahren werden. 'Wenn sie mich nicht über Winter nehmen,' sagt er schulterzuckend, 'dann habe ich keinen Job.' Island gilt als eines der „reichsten“ Länder Europas. Der Reichtum scheint mir sehr relativ zu sein. Man muß zupacken können, wenn man einen Job in der Lavawüste haben will. 'Make sure everything is stored properly, it will be a little bumpy', rät er den zwei Mitreisenden. Der Fahrer setzt seine Plastik-Trinkflasche an, genehmigt sich einen letzten Schluck, läßt den Motor an und fährt los."

 

Flechte auf Lava


"Woher kommt all das viele Wasser in Island? Die Antwort erhalte ich am nächsten Morgen, als ich im Zelt langsam zu mir komme und den Schlaf vertreibe. Das bekannte, wohl vertraute Knistern auf der Außenplane. Sofort geschaltet: Regen. Es darf weitergeschlafen werden. Nicht so einfach, wo ich doch auf die Toilette muß. Also schließlich doch halb angezogen aufgerappelt. Im Vorzelt liegen meine Sandalen, die sind naß geworden und ganz durchweicht. Die Plane weht im Wind und läßt kleine Spritzer herein. Rückwärts wälze ich mich hinaus und in senkrechte Stellung. Schlurfe im Nieselregen durch das nasse Gras zum Waschraum. Morgenwäsche. Mein Nebenmann rasiert sich, prüft die Höhe der Stoppeln im Spiegel. Er ist wohl noch nicht lange genug in Island mit solchen Allüren; rasieren vergeht hartgesottenen Islandfahrern nämlich bald oder sie geben es von vornherein auf.

Zurück zum Zelt. Frühstück. Zum Glück habe ich eine Thermoskanne Kaffee schon gestern abend gekocht, denn in Island muß man trockenes Wetter ausnützen. Ich muß also nicht im Regen draußen meinen Kocher anwerfen. Butterdose, Marmeladenglas, alles finde ich an seiner Stelle links von meiner Luftmatratze. Isländisches Papp-Brot gibt es dazu; das nennen sie hier 'Schweizer' Brot, es handelt sich also schon um gehobene Qualität – das eigentlich isländische Weichbrot würde einen guten Kaugummi-Ersatz abgeben, oder es würde, wenn es nur alt genug wäre, beim Anfassen in Brösel zerfallen.

Was tun bei Regen im Zelt? Bestandsaufnahme: Butter und Äpfel müssen gekauft werden. Wird fein säuberlich auf den Notizzettel nebenan aufgeschrieben. Das Bleistift bricht durch den Zettel durch, ist wohl über Nacht auch feucht geworden. Dann Busfahrplan studieren. Ich will zurück nach Seyðisfjörður zur Anlegestelle der Norröna. Wieder heim. Der Bus fährt morgen um 10 Uhr ab – noch 26 Stunden Zeit. Nocheinmal hingelegt. Luft ist noch in der Luftmatratze. Vielleicht aber doch einen neue Lunge voll Luft hineinblasen. Mach’ ich. Dann Hände über dem Bauch gefaltet. Dann wieder aufrecht hingesetzt. Das Taschenradio mit Kopfhörer in Betrieb genommen.

Auf Ultrakurz- und Mittelwelle gibt es nur einen Sender, der in bestimmter, jeden Tag neu zu bestimmender Lage des Radios sein Programm klar oder verzerrt wiedergibt. Es kommt darauf an, ob das Kabel vom Radio zum Kopfhörer in freier Luft oder am Boden entlang läuft, in Körpernähe oder weg von den Beinen. Aber selbst wenn der Empfang klar ist, verstehe ich isländisch nur bei Werbespots. Macht nichts, allein dem Klang der Sprache zuzuhören genügt; schließlich spricht jemand zu mir, allein das hat schon Unterhaltungswert. 'Já' kommt oft vor, gesprochen 'jau', und Variationen wie 'jú', 'jújá' und ähnliches jojau.

Heute muß der Empfänger hochgehalten werden, das strengt auf Dauer an, und mein linker Arm schläft ein. Also erfinderisch sein! Ich hänge den Empfänger an der Ablage auf, die unter dem Zeltdach baumelnd angebracht ist.

Mit der Zeit überfällt mich Langeweile: Nur isländischen Radiosprechern zuhören genügt nicht. Was kann ich noch tun? Eingeschlepptes Gras zum Zelteingang hinauswerfen. Handtuch zum Trocknen ausbreiten. Zeitkontrolle: Es ist erst 8 Uhr 44. Das Musikprogramm des Senders beginnt. Also wieder auf den Rücken legen, entspannen, Hände über dem Bauch falten, Augen schließen. Es spielt die Langversion von 'It’s a guess'. Dazu muß heftig mit dem Kopf genickt werden. Neun volle Minuten lang. Jede weitere Tätigkeit scheidet aus und muß zurückgestellt werden. Die feuchten Zehenspitzen betrachten. Bart streicheln, die Stoppeln auf Kratzfähigkeit prüfen. Am Kopf jucken. Haare waschen sollte ich vielleicht wieder.

Der Song singt etwas von 'Mantra'. Ich schaue den Regentropfen zu, wie sie auf das Überzelt fallen. Plopp, plopp. Bei jedem Plopp schlägt der Tropfen einen Wasserfleck auf der Plane. Gerne wäre der Tropfen zu mir durchgedrungen, doch es geht nicht. Der Fleck löst sich auf und läuft außen ab. Zieht eine nasse Spur hinter sich her. Und oben schlägt ein neuer ein: Plopp.

Geld zählen. Überschlagen, wie lange es noch reichen wird. Muß ich noch einmal zum Geldautomaten? Einer Spinne ins Freie 'verhelfen'. Welcher Zynismus! Sie wäre lieber im warmen Zelt in ihrer Ecke sitzen geblieben.

Bein anwinkeln. Gut für den Rücken. Bart auf der Oberlippe streicheln. Fingernägel putzen. Ein Schluck Kaffee. Schon ist es 9 Uhr 19. Notieren, daß zu Hause ein paar neue Löcher im Zelt geflickt werden müssen. Der Nachrichtensprecher erzählt irgendwas von „Westsahara“. Weit weg. Dort würde es jetzt wenigstens nicht regnen. Teller als Schreibunterlage gegriffen. Eine Postkarte nach Hause geschrieben. Meine Ankunft in einer Woche angekündigt. Blick nach draußen, Wetterprüfung. Es hat aufgehört zu regnen. Freundliches Grau. Vielversprechend.

Also schnell Brote geschmiert für einen letzten Ausflug. Dabei endlich den Schinken aufgebraucht. Und so weiter. Erstaunlich, wie schnell die Zeit mit Nichtstun vergeht!

Da fängt es wieder an zu regnen. Also dann doch nicht. Zurück ins Zelt. Wieder auf die Luftmatratze gschmissen. Wenn gar nichts mehr zu tun bleibt und selbst das Radioprogramm keine Ablenkung mehr bringt, dann hilft nur noch an die Vergangenheit denken. Was habe ich in meinem Leben falsch gemacht, was richtig? Damals, vor 40 Jahren, als die große Zeit der unbewußten, entscheidenden Weichenstellungen war? Hätte ich Enttäuschungen vermeiden können, damals ohne jede Lebenserfahrung? Sollte ich sie nicht eher begreifen als willkommene Stöße in die richtige Richtung? Nein, das wäre zu einfach, das würde mir auch mein Grübeln nehmen. Nichts wäre unwillkommener in meiner Situation, als wenn ich plötzlich alles bejahen und gutheißen würde – dann hätte selbst mein Kopf auf der Luftmatratze nichts mehr zu tun, nichts mehr zu denken, nicht mehr sich in ungelöste Rätsel zu vertiefen. Also weiter: Ist irgendwo etwas wiedergutzumachen? Nein. Ist irgendwo um Entschuldigung zu bitten? Nein, um Gottes willen. Dann lieber Feindbilder pflegen, weiter arbeiten an Kriegen, die nie gewonnen werden können und nie zu Ende gehen. Lieber ungespielte Szenarien ablaufen lassen, ungesprochene Dialoge vorausdenken, Konflikte provozieren, Sollbruchstellen testen, Kontakte abbrechen, trennen, Einzelgänger werden und bleiben. Kampf bis aufs Messer. Mit Denken verbringe ich meine Zeit, ich verbringe sie lieber unproduktiv, trostreich, und fühle mich danach besser. Draußen regnet es weiter."

 

Fumarole am Landmannavegur


"Kein Ausflug mehr. Stattdessen noch ein letztes Mal Benzin für den Kocher 'abgreifen' bei der Bensínafgreiðsla, der sich wie 'Benzinabgreifstelle' anhörenden 'Benzinbedienung', wie die Isländer Tankstellen nennen. Mit dem Bus nach Seyðisfjörður. Noch eine nasse Nacht im Zelt auf dem örtlichen Campingplatz, auf dem nur zeltet, wer sein Soll an Regen, Wind, Schwefelwasserstoff, Dampf, Zeltgeflatter, Nebel getankt hat, wer nur noch weg will. Die Fähre ist schon da und spuckt ihre Fahrgäste aus, die begierig einem erlebnisreichen Islandsommer entgegenfiebern.

Zwei halbe und ein ganzer Tag warten auf mich auf der Fähre nach Dänemark, ein Tag mit Bus und Bahn bis an die deutsche Grenze, eine Nacht auf einer harten Bank im Freien, auf dem Bahnsteig in Padborg, und dann im Schnellzug nach Hause. Ich habe Island auf Wegen, Strecken und Straßen durchstreift. Und doch: Das meiste von Island ist unerforscht geblieben. Habe ich aber nicht irgendwo im Namenlosen genau das Island gesehen und erlebt, das in jedem Reisehandbuch zu kurz kommt? Würde ich es nicht besser für mich behalten?

Meine drei Kabinenkameraden, die auf den Färöern zugestiegen sind, schlafen, schon gleich seit sie morgens zugestiegen sind. Sie schlafen auch den ganzen Tag über und die folgende Nacht, werden ihre Geheimnisse immer für sich behalten. Die schrillende Alarmanlage in der Ankunftshalle in Hanstholm holt mich in die Zivilisation zurück. Der Traum Island ist ausgeträumt.
"



15 Stunden hinauf und hinab – Hvannadalshnúkur


 

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