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Jan Mayen – Haakon VII toppen auf dem Beerenberg – Die ersten Deutschen auf dem nördlichsten Vulkan der Erde


Von Norwegen annektierte Insel im Nordatlantik, der Provinz Nordland zugeordnet



Auszüge:

"Der Tag beginnt, ohne das vertraute Motorengeräusch. Siggy hat Rückenwind in die Segel bekommen und den Motor vorübergehend wieder ausgestellt. Draußen ist es feucht-neblig und lädt nicht zum Sitzen im Freien ein, zumal sich auch der Grund, warum ich am Vordeck hätte Zeit verbringen wollen, sogleich erledigt: Als ich nur kurz durch die Luke schaue, schießt neben unserem Boot ein Schwarm Delphine durch die Wellen. Mehr ist eh nicht zu erwarten. Mitternacht sollen wir endlich in Ísafjørður ankommen.

Oft überkommt mich auf solchen Reisen, bei denen ich zum Nichtstun verurteilt bin, die Frage nach dem Sinn meines Tuns. Die höchsten Berge eines jeden europäischen Landes! Nützt das irgendwem? Nein, natürlich nicht. Ich werde am Ende meines Lebens nichts Verwertbares produziert haben, das ich späteren Generationen hinterlassen könnte, weder materiell, noch geistig. Andere haben es da einfacher: Sie erfinden etwas, das mit ihrem Namen verbunden ist, irgend so ein technisches Gerät zum Beispiel, oder sie bauen eine Firma auf, die sie überlebt, indem sie von ihren Nachkommen weitergeführt wird. Aber ich?

Vier Jahre habe ich gebraucht, bis sich mein Bewußtsein einschaltete, bis ich ein 'ich' in mir erkannte. Weitere vier Jahre habe ich gebraucht, bis das 'ich' zum ersten Mal wußte, was es dauerhaft will. Allein das habe ich meinen Eltern zu verdanken. Nichts geschah aus eigener Leistung: Ich habe ihre Angebote einfach angenommen.

Dann folgten zehn Jahre Schulzeit und noch einmal sechs Jahre Studium, bis ich endlich, im Alter von 26, imstande war, mein eigenes Brot zu verdienen. Aber geschaffen? Geschaffen hatte ich bis dahin noch nichts, höchstens den Stand erreicht, der es mir erlaubte zu überleben und mich zu reproduzieren. Zwei Kinder habe ich, sie verkörpern den Status quo. Hätte ich nur eines, würde das, zumindest numerisch, einen Rückschritt bedeuten. Hätte ich mehr als zwei, wäre zumindest die Grundlage für die nächste Generation verbreitert. Aber ich habe eben nur zwei, somit nichts Neues.

In meinem 28jährigen Berufsleben geschah nichts von Bedeutung, soll heißen: Nichts, was jetzt noch, ein paar Jahre danach, Leute beschäftigen würde, Gedanken auslösen würde. 28 Jahre lang habe ich im Labor gestanden und Papier auf Schreibtischen bewegt. Nicht einmal die Firma gibt es heute noch, für die ich das tat; sie wurde mit meinem Weggang zugleich aufgelöst.

Und danach? Im Alter von 56 hätte ich beginnen können, erstmals etwas Sinnvolles zu tun. Zwanzig Jahre hätten mir vielleicht zur Verfügung gestanden, wenn ich annehme, daß mein produktives Leben mit 76 zu Ende geht. Aber da war nichts. Keine Idee, kein Gedanke, der die Menschheit weitergebracht hätte.

Und so bin ich Nichtsnutz zurückgefallen auf die Phantasien meiner Kindheit: Landkarten betrachten und aus Landkarten Projekte des Schauens und Erlebens ableiten. Ich habe mir das Projekt selbst verordnet, auf 135 Gipfel von 'unabhängigen' Gebieten Europas zu steigen. Völlig wertfrei, völlig nutzlos. Und doch bin ich einzigartig – keiner hat das in diesem Umfang vorher gemacht. Wahrscheinlich war keiner so nutzlos, keiner so von Langeweile bedroht wie ich, als ich 20 Jahre gähnende Leere vor mir sah. Mir ist es wenigstens gelungen, Langeweile zu vermeiden. 'In the joy of the actors lies the sense of any action. That is the explanation, that the excuse', sagte Robert Louis Stevenson – 1850 – 1894, schottischer Schriftsteller und Dichter, in 'Across the plains'.

Ich beschäftige mich also. Andere finden das 'toll', keiner macht sich die Sinnlosigkeit des Daseins so klar, daß er auch mein Tun für sinnlos erachten würde. Soll das heißen, daß alle um mich herum noch weniger zustande gebracht haben?

'For to miss the joy is to miss all.' Und so breche ich das Projekt nicht ab, nicht mitten im Lauf. Ich will es zu Ende bringen. Will endlich mal etwas schaffen, das mit meinem Namen verbunden ist, eine Leistung, eine Tat, eine große Null wenigstens.

 

Draußen rauscht weiter die See an unserer Segeljacht vorbei. Die 'Aurora' macht ihren Weg nach Island zurück. Wenn wir dann am 6. Juli, nach zweieinhalb Tagen auf See, endlich Ísafjørður erreicht haben werden, habe ich 118 von 135 Zielen abgehakt, bin dem Ziel der großen Null wieder 1/135 näher gekommen, werde wieder sinnlos Zeit verschwndet haben, werde dem sinnlosen Rauschen der Wellen, dem sinnlosen Orgeln des Windes zugehört haben und werde nur wieder von Neuem wissen, daß ich einzigartig bin, in all der Monstrosität des Sinnlosen, der erste Deutsche auf dem Beerenberg, der Zweitälteste je überhaupt, auf dem nördlichsten Vulkan der Erde. Rekorde über Rekorde, und doch nichts Vorweisbares, nichts Beständiges, nichts Nützliches, nichts, das einen voranbringt."

 

Von Island nach Jan Mayen

 

"Dann höre ich nur noch das Schlurfen und Schlagen des vorbeiziehenden Wassers an den Wanten meiner Koje, neben mir den hochgespannten Lederlappen, der mein Herausfallen aus meinem Versteck verhindern soll. Viel passieren würde dabei gar nicht, angenommen ich fiele, denn die schmalen Gänge sind mit Gepäck so verstopft, daß es kaum noch einen Zwischenraum gibt, in den ich meinen Fuß setzen könnte.

Siggy hat die ganze Nacht über am Steuer gestanden, jetzt ist Rúnar dran. Wir segeln mit 7,7 Knoten, halb mit Motor-, halb mit Windkraft gen Nordnordost. Der Wind bläst von Nordwesten, daher segeln wir absichtlich etwas von der direkt nach Jan Mayen ziehenden Linie nach Westen zu abweichend, um den Wind besser auszunützen und ihn nicht volle Breitseite abzubekommen; die 'Aurora' pflügt jetzt schon bedenklich schief durch die Wellen."





Land in Sicht !




Jan Mayen mit dem Beerenberg - wir nähern uns von Südwesten.


"Um 7 Uhr, nach einer zweiten Nacht, übel backbords schief in den Sielen hängend verbracht, bei ständigem Schlagen und Stoßen der Wellen, ständig in Angst aus der Koje zu fallen, wenn da nicht die rettende Verspannung gewesen wäre, die dies gerade noch verhindert hat, morgens also zum Frühstück kommt steuerbords – an der rechten Seite in Fahrtrichtung – Land in Sicht, die Südwestecke Jan Mayens, das Sørvestkapp. Es ist ein denkwürdiger Moment noch aus einem anderen Grund: Es handelt sich um den westlichsten Punkt Norwegens, das Kap Hoybergodden. Es stimmt also, wir nähern uns Jan Mayen von Westen.

Um 9 Uhr haben wir 397 Seemeilen seit unserer Abfahrt aus dem isländischen Dalvík zurückgelegt. Immer noch habe ich meine Uhr nicht umgestellt, von der isländischen, die der norwegischen zwei Stunden hinterherhinkt. Wir streichen bei tiefhängenden Wolken an der lava-schwarzen Küste entlang weiter nach Nordosten. Da reißen sie kurz auf, und der Beerenberg schaut aus ihnen hervor. Applaus an Bord, alle sind total aus dem Häuschen. Da versteckt er sich verschreckt wieder.

Um 10 Uhr 30 haben wir 407 Seemeilen hinter uns. Da biegt Siggy in eine stille Bucht ein, kappt die Segel, stellt den Motor aus und wirft zehn Minuten später bei völliger Stille die Anker. Wir sind in der Kvalrossbukta angekommen. Die einzigen Geräusche, die noch an unsere Ohren dringen, kommen von den Felsen an der Einfahrt, wo sich die Wellen brechen und wo Hunderte von schreienden Seevögeln in den Klippen nisten. Es ist eine unwirkliche Szenerie in der Runde. Zackige Lavaklippen grenzen die Bucht rechts und links ein, nach hinten ist sie natürlich zum Meer hin offen, aber was erwartet uns nach vorne?
"







An Land in der Kvalrossbukta




Auch Wale landen hier manchmal unfreiwillig.




Unser Camp bei Gamlemetten


"Etwa zehn Kilometer Luftlinie sind es vom Basislager bis zum Gipfel des Beerenbergs. Für den Anstieg wird uns die Südflanke zur Verfügung stehen mit dem Kronprins Olavs Bre, dem Kronprinz-Olafs-Gletscher. Die bevorzugte Route führt zwar durch das Ekerolddalen, doch wir werden uns von der Stasjonbukta aus einen direkten Weg durch das Gewirr der Tälchen und Nebenkrater suchen. Dann werden wir vorbei am Pálffy-Krater den Gletscher betreten. In gerader Linie nach Nordosten werden wir auf dem Gletscher ansteigen zu den Nunataken, einer Felsgruppe auf 1540 Meter Höhe, deren einziger Sinn sein wird, uns in der Eiswüste Orientierung zu geben.

Ab Nunataken wird es steil werden – die Höhenlinien stehen eng beieinander. Über den Bratthenget werden wir den Rand des Sentralkrateren erklimmen, ihn zwischen Mercantontoppen und Wordietoppen erreichen, dann uns auf ihm nach links – Westen – wenden und einen Viertelkreis nach Norden beschreiben: Noch 100 Höhenmeter, dann stehen wir auf Jan Mayens höchstem Punkt, dem Haakon VII toppen. Dieser letzte aller Kraterrandgipfelchen, der Diamant in der Krone sozusagen, ist der westlichste auf dem Krater.  Der Krater ist nach Nordwesten hin offen und entläßt aus der Lücke den Weyprechtbreen, der bis hinunter ans Meer fließt.
"





Das Ziel










Die Nord-Laguna aus zwei entgegengesetzten Richtungen





Spuren




Spalte


"Schritt für Schritt geht es über den Gletscher. Der Beerenberg-Gipfelaufsatz scheint verheißungsvoll durch den immer lichter werdenden Nebel. Die Konturen werden immer klarer, je weiter wir vorankommen. Das Wetter wird immer besser, je länger der Tag dauert. Und er dauert lang, das Steigen will kein Ende nehmen; die Gruppe zieht sich immer weiter auseinander, je nach der Leistungsfähigkeit des Einzelnen: vorneweg die schnellen Norweger, angeführt von Rúnar, hinten die Langsamen unter Johans Führung. Immer wieder legen wir kurze Verschnaufpausen ein; das Geglitzer um uns herum betört die Sinne. 19 Uhr 40 stehen wir auf 1100 Meter und haben klare Sicht auf den Gipfelaufsatz. 20 Uhr 15 ist wieder eine längere Pause fällig; jetzt stehen wir dem Gipfelaufschwung schon sehr nahe; 1200 Meter. 21 Uhr: Wir sind auf 1330 Meter, blicken auf die schneeige, spaltendurchsetzte Steilwand des Bratthenget.

Um 22 Uhr haben wir endlich eine Stelle unterhalb der Nunataken-Felsgruppe erreicht, wo wir im Windschutz einer Schneemauer, die unsere Vorgänger errichtet haben – eine Norwegergruppe war eine Woche vor uns hier am Zuge –, Wasser abkochen können für eine Trinkpause und uns in zwei Gruppen anseilen, die Langsamen von den Schnellen getrennt. 1475 Meter sind wir hoch; es herrscht jetzt Sonnenschein total.
"



"Hinter dem Nunataken steigt der Gletscher zunehmend steiler an und geht in den Bratthenget über, den breite Querspalten durchziehen. An dessen steilster Stelle sind es 35 Grad Steigung, die uns zu schaffen machen. Wir müssen die Spalten in breit hingezogenen, komplizierten Schlangenlinien umgehen und dabei die Steigung abmildern, oder wir überspringen die Spalten einfach, wenn sie schmal genug sind und ein Aufwärtsanlauf möglich ist für den entscheidenden Sprung. Weitgeöffnete Rachen schimmern uns blau entgegen.

Jetzt wird der Gletscher so steil, daß ich ständig um Verschnaufpausen bitten muß. Der Sonnenschein läßt gemächliches Steigen zu, so daß es nicht stört, wenn die ersten Gruppenmitglieder schon so weit voran sind, daß sie uns außer Sicht geraten sind. Wir halten auf die rechte obere Ecke am Horizont zu, immer im Zick-Zack durch den steilen Schnee aufwärts.

Dann urplötzlich die Kante. Abrupt bricht der Hang hier ab und fällt in den kreisrunden, nach Nordwesten geöffneten, mit Schnee aufgefüllten Krater. Aus der Öffnung stürzt sich der zerrissene Weyprecht-Gletscher in Kaskaden dem Meer entgegen."





Über den Krater zum Mercantontoppen







"Und es sind nur ein paar Schritte noch, dann stehen wir an dem windgeschützten Erker, den ein Vorgipfel hier gnädig geformt hat – Johans Hochlagerplatz vom Vorjahr, an dem er damals ein Zelt aufgebaut und übernachtet hatte. Und noch ein paar Schritte, und wir stehen vor dem letzten aller Knubbel, einem nur mit Anlauf und mit Hilfe des Pickels zu erklimmenden Schneedom, etwa zehn Meter aufragend. Ruck-zuck ist Roman als erster oben, gefolgt von mir – die ersten Deutschen auf dem Beerenberg!

Dazu bin ich auch noch der Zweitälteste, der je auf dem Beerenberg war, wie sich später herausstellt. Doch für solche Betrachtungen ist jetzt keine Zeit. Hier oben ist nur für zwei Leute Platz und nur für eine Minute, zum Bilder-Schießen. Keine Zeit, um das Siegergefühl zu genießen. Es ist exakt 3 Uhr morgens. Kurzer Blick in das sonnige Rund des Kraters, auf all die Zinnen und Zacken, die ihn bekränzen. Neun Grad minus messen wir
..."






Über den Krater zum Hakluyttoppen




Den Kraterrand entlang zum Haakon VII toppen


"Kein Gedanke daran, daß der Beerenberg ausbrechen könnte, während wir auf der Insel campieren. Kein Gedanke daran, daß es gerade jetzt passieren könnte, wo wir uns durch das Spaltenwirrwar des Bratthenget nach unten schlängeln. Unser Abstieg ist ganz auf die Vorsicht konzentriert, die wir brauchen, um unbeschadet unten anzukommen. Doch spätestens bei den Nunataken – 5 Uhr morgens – können wir das Seil ablegen und befreit aufatmen; jetzt ist es nur noch ein endloser Marsch den ganzen lieben langen Kronprins-Olavs-Gletscher hinunter, wieder durch eine durchbrochene Nebelzone hindurch, spätestens dann auch die Steigeisen runter und eine lange Rast an der Endmoräne auf 800 Meter Höhe um 6 Uhr 45, und zuletzt am Pálffy-Krater vorbei, bis wir nach 18 1/2 Stunden, 32 Kilometer Wegstrecke und 2230 Meter Höhenunterschied müde bis zum Letzten, aber glücklich unser Lager erreichen: 9 Uhr und 4 Minuten zeigt die Uhr. Es ist Morgen, und uns zieht es ins Zelt, um zu schlafen. Doch vorher noch schnell ein paar Bier in der Kohte in die Kehle geschüttet, und ein gefriergetrocknetes Frühstück eingenommen – oder ist es ein Abendessen? Dann warten nur noch die Schlafsäcke."








Kleine Wunder im Lava




Und dann nur einfach grün ...




... oder grau




Eggøya




Ornamente im Lavasand


"Von weiß über orange bis hin zu violett wechseln die Farben der winzigen Blüten. Alle sehen sie gleich aus. Keiner von uns weiß, wie sie heißen. Die weißen – Ranunculus  glacialis, Gletscherhahnenfuß – nennen die Norweger 'Issoleie', übersetzt so etwas wie 'Eisblume'. Sind es nur verschiedene Reifezustände ein und derselben Pflanze?

Dann gibt es wieder riesige graue Flecken am Boden, Isländisch Moos. Doch auch im Einheitsgrau können wir verschiedene Flechten unterscheiden, gelappte, gefiederte, solche mit Stengel und solche ohne.

Und dann seltsame Ornamente im Lavasand, die der Frostwechsel gebildet hat, Kreise, Ovale, Linien. Jan Mayen erscheint uns plötzlich in einem zweiten Licht, anders als nur Eis und Schnee. Jan Mayen kann auch leben!"




"Wie eine Mondlandschaft wirkt das Land, und richtig: 'Månelandskapen' nennen es auch die Norweger. Offiziell heißen die Landstriche an der Südostküste sehr passend Basissletta = Basisebene, und Røysflya = Hügelluft. Vorsicht ist geboten, wenn man in den staubigen Ebenen nahe bei Eggøya von der getretenen Spur abweicht: Es handelt sich bei dem feinen Lavasand um potentiell gefährlichen Quicksand, in dem man versinken kann!"





Aufwiedersehen, Beerenberg


"Oft überkommt mich auf solchen Reisen, bei denen ich zum Nichtstun verurteilt bin, die Frage nach dem Sinn meines Tuns. Die höchsten Berge eines jeden europäischen Landes! Nützt das irgendwem? Nein, natürlich nicht. Ich werde am Ende meines Lebens nichts Verwertbares produziert haben, das ich späteren Generationen hinterlassen könnte, weder materiell, noch geistig. Andere haben es da einfacher: Sie erfinden etwas, das mit ihrem Namen verbunden ist, irgend so ein technisches Gerät zum Beispiel, oder sie bauen eine Firma auf, die sie überlebt, indem sie von ihren Nachkommen weitergeführt wird. Aber ich?

Vier Jahre habe ich gebraucht, bis sich mein Bewußtsein einschaltete, bis ich ein 'ich' in mir erkannte. Weitere vier Jahre habe ich gebraucht, bis das 'ich' zum ersten Mal wußte, was es dauerhaft will. Allein das habe ich meinen Eltern zu verdanken. Nichts geschah aus eigener Leistung: Ich habe ihre Angebote einfach angenommen.

Dann folgten zehn Jahre Schulzeit und noch einmal sechs Jahre Studium, bis ich endlich, im Alter von 26, imstande war, mein eigenes Brot zu verdienen. Aber geschaffen? Geschaffen hatte ich bis dahin noch nichts, höchstens den Stand erreicht, der es mir erlaubte zu überleben und mich zu reproduzieren. Zwei Kinder habe ich, sie verkörpern den Status quo. Hätte ich nur eines, würde das, zumindest numerisch, einen Rückschritt bedeuten. Hätte ich mehr als zwei, wäre zumindest die Grundlage für die nächste Generation verbreitert. Aber ich habe eben nur zwei, somit nichts Neues.

In meinem 28jährigen Berufsleben geschah nichts von Bedeutung, soll heißen: Nichts, was jetzt noch, ein paar Jahre danach, Leute beschäftigen würde, Gedanken auslösen würde. 28 Jahre lang habe ich im Labor gestanden und Papier auf Schreibtischen bewegt. Nicht einmal die Firma gibt es heute noch, für die ich das tat; sie wurde mit meinem Weggang zugleich aufgelöst.


Und danach? Im Alter von 56 hätte ich beginnen können, erstmals etwas Sinnvolles zu tun. Zwanzig Jahre hätten mir vielleicht zur Verfügung gestanden, wenn ich annehme, daß mein produktives Leben mit 76 zu Ende geht. Aber da war nichts. Keine Idee, kein Gedanke, der die Menschheit weitergebracht hätte.

Und so bin ich Nichtsnutz zurückgefallen auf die Phantasien meiner Kindheit: Landkarten betrachten und aus Lankarten Projekte des Schauens und Erlebens ableiten. Ich habe mir das Projekt selbst verordnet, auf 135 Gipfel von 'unabhängigen' Gebieten Europas zu steigen. Völlig wertfrei, völlig nutzlos. Und doch bin ich einzigartig – keiner hat das in diesem Umfang vorher gemacht. Wahrscheinlich war keiner so nutzlos, keiner so von Langeweile bedroht wie ich, als ich 20 Jahre gähnende Leere vor mir sah. Mir ist es wenigstens gelungen, Langeweile zu vermeiden. 'In the joy of the actors lies the sense of any action. That is the explanation, that the excuse', sagte Robert Louis Stevenson – 1850 – 1894, schottischer Schriftsteller und Dichter, in 'Across the plains'.

Ich beschäftige mich also. Andere finden das 'toll', keiner macht sich die Sinnlosigkeit des Daseins so klar, daß er auch mein Tun für sinnlos erachten würde. Soll das heißen, daß alle um mich herum noch weniger zustande gebracht haben?

'For to miss the joy is to miss all'. Und so breche ich das Projekt nicht ab, nicht mitten im Lauf. Ich will es zu Ende bringen. Will endlich mal etwas schaffen, das mit meinem Namen verbunden ist, eine Leistung, eine Tat, eine große Null wenigstens.

Draußen rauscht weiter die See an unserer Segeljacht vorbei. Die 'Aurora' macht ihren Weg nach Island zurück. Wenn wir dann am 6. Juli, nach zweieinhalb Tagen auf See, endlich Ísafjørður erreicht haben werden, habe ich 118 von 135 Zielen abgehakt, bin dem Ziel der großen Null wieder 1/135 näher gekommen, werde wieder sinnlos Zeit verschwndet haben, werde dem sinnlosen Rauschen der Wellen, dem sinnlosen Orgeln des Windes zugehört haben und werde nur wieder von Neuem wissen, daß ich einzigartig bin, in all der Monstrosität des Sinnlosen, der erste Deutsche auf dem Beerenberg, der Zweitälteste je überhaupt, auf dem nördlichsten Vulkan der Erde. Rekorde über Rekorde, und doch nichts Vorweisbares, nichts Beständiges, nichts Nützliches, nichts, das einen voranbringt.

Doch, es hat mich vorangebracht, in der Erkenntnis, wie klein wir sind. Milliarden von Menschen hat es schon gegeben, ja Trillionen vielleicht, und jetzt erst sind wir als Gesamtheit fähig zu dem Bißchen, was wir tun: telefonieren, Musik hören, Auto fahren, fernsehen. Was für ein Trost, und zugleich niederschmetternd! Wir sind alle so kleine, unbedeutende Pimpfe in dem Spiel, alle Nullen, mal etwas größer, meist kleiner.

Noch sind wir nicht imstande, den Sinn unseres Lebens zu erkennen. Noch sind wir nur Spielzeuge eines Gottes, von dem wir nicht einmal wissen, ob er überhaupt existiert. Theologen antworten, stellvertretend für Gott, was unsere Aufgabe sei, welchen Sinn alles habe: die Liebe Gottes zu uns im Kleinen weitergeben. Fein! Doch wozu? Wozu der ganze Konstrukt einer Welt, eines Weltalls? Wozu diese wuselige Spielwiese?


Noch kommen wir nicht voran, treten nur auf der Stelle: Alle, allesamt. Und so mag mir mein Projekt der 135 'Höchsten' wenigstens als ein kleiner Rettungsanker vorkommen, in all dem wellenumtosten Meer von Leere und Sinnlosigkeit. Wenigstens habe ich auf diesen Ausflügen gelernt, wie wenig wir alle sind, und so kann ich einen Beitrag zu größerer Demut leisten, kann allen um mich herum, die sich etwas auf sich selbst einbilden, zurufen: 'Ihr seid alle sinnlos! Nach euch wird es keinen geben, der sich um euch schert, nicht einmal einen, der sich die Zeit nimmt, an eurem Grab zu verweilen. Null seid ihr jetzt schon und Null werden ihr bleiben. Alles, alles wird uns zwischen den Fingern zerrinnen, alles wird am Ende abzugeben sein, nichts wird sich hinüberretten lassen in ein Leben, von dem die Träumer glauben, es sei ewig. Unterstellt mal, daß es so sei: Was wollt ihr dann anfangen in einer Ewigkeit, wo alles per Definition schon von vornherein sinnlos ist, da es kein Ende hat, kein Ziel? Wollt ihr etwa ewige Langeweile als erstrebenswert ausgeben?' Da sind mir meine 135 Gipfel doch lieber, ein kleines Stückchen lieber, in all ihrer Winzigkeit."



Externe Kurzartikel -- external short articles

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In English at:

http://www.summitpost.org/trip-report/465076/first-foreigners-on-beerenberg-or-just-try-something-new.html

http://www.summitpost.org/mountain/rock/465678/beerenberg.html

 



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