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Kroatien vor und hinter dem Neum-Korridor – Dinara




Kroatiens Dinara ist ein Doppelgipfel


Auszüge:

"Wieder ein Gipfel in völliger Stille; niemand außer mir ist hier oben. Wieder ein Höchster meiner Liste, Nummer 108, wenn ich richtig zähle. Ich muß achtgeben, daß ich der Berge nicht überdrüssig werde und nur noch meine Liste vor Augen sehe. Zuerst wird jetzt die Pulle Apfelwein geleert; sie stammt noch aus der Heimat. Zum Spaß, bevor ich zu beschwipst bin, nehme ich noch die Koordinaten: 1834 Meter mißt mein Gerät, doch das ist nicht allzu ernst zu nehmen; in Höhenmessung ist GPS notorisch ungenau. Nord 44 Grad 3,779 Minuten Ost 16 Grad 23,001 Minuten. Kurzer Blick auf das Wetter: Es hält sich, doch die Aussicht verschwimmt im Dunst. Im Süden erkenne ich den Rücken des Troglav, mit 1913 Meter der höchste Berg des Dinarischen Gebirges, doch das ist schon Bosnien.

Langsam komme ich zur Ruhe. Wie kein anderer Gipfel lädt dieser hier zum Verweilen ein. Ich sitze auf einer flachen Kalkplatte, an die Stange des Gipfelkreuzes gelehnt, trinke, trinke, esse, schaue. Mache ein kurzes Nickerchen im Gesumme der Fliegen. Sonst nichts. Einfach nichts.

Schaue die Maserungen der Kalkplatte an, kreuz und quer, und wie die Ameisen darüber hinweghuschen. Bin der höchste Kroate heute. Genieße. Doch bald komme ich wieder ins Nachdenken: Was tun, wenn alles getan ist? Noch länger den Fliegen zuhören? Noch länger dem Flug der Schwalbe zuschauen, die mich neugierig umkreist? Keiner der Tausende übergewichtiger Strandurlauber verirrt sich hier hoch, und an diesem Montag – Arbeitstag – nicht ein einziger richtiger Kroate.

Blicke hinüber zum Nebengipfel mit dem Vermessungsstein. Noch ist die alles entscheidende Frage unbeantwortet, wer eigentlich von diesen beiden Gipfeln der höhere ist. Mit Augenmaß ist das nicht eindeutig zu klären, also muß ich wieder mein GPS bemühen. Beim Vermessungsstein messe ich 1832 Meter und Nord 44 Grad 3,748 Minuten Ost 16 Grad 22,973 Minuten, bin also anscheinend zwei bis drei Meter niedriger als das Gipfelkreuz. Die Genauigkeit der Höhenmessung läßt aber zu wünschen übrig; es hilft nichts, wenn die Messung nur mit Glück auf ± fünf Meter genau geht. Und dazu steht nördlich vom Gipfelkreuz, vielleicht 100 Meter weit, noch einmal ein Gipfel, von dem ich mit bloßem Auge nicht behaupten kann, er sei niedriger. Also vertraue ich darauf, daß die Leute, die den Vermessungsstein und das Gipfelkreuz gesetzt haben, wenigstens einen dieser beiden Gipfel als höchsten angesehen haben; und schließlich war ich ja auf beiden, sollte also zufrieden sein. Beim Vermessungsstein liegt eine Blechschachtel mit dem 'Upisna Knjiga' herum, dem Gipfelbuch, Eintragungs-Buch wörtlich. Der 'Hvratski Planinarski Savez (HPD 1874)' – Kroatische Wandervereinigung – hält es hier bereit. Natürlich trage ich mich ein, damit alle Welt weiß, daß ich hier war.

Alles, was ich tue, wirft Rätsel auf. Was bedeutet zum Beispiel das 'HPD' in der Klammer, wo man doch als Abkürzung ein HPS erwartet hätte? Ich vermerke das in meinem Notizbuch: Forschungsarbeit für die Wintermonate zu Hause. So kann Bergsteigen sein, für mich jedenfalls ist es eine Quelle immer wieder neuer, völlig unwesentlicher Fragen. Bin ich aber nicht den letzten Rätseln eines Gipfels auf den Grund gegangen, bin ich nicht glücklich. Und so gehe ich zu Hause mit Hilfe des Internet den letzten Schritt zu absolutem Gipfelglück: Hrvatski planinarsko društvo, Kroatischer Wanderverein, heißt der Verein, dessen Gründung Johannes Frischauf, Professor der Mathematik in Graz, 1874 angeregt hat; offenbar ist er später umbenannt worden.


Geschlagene eineinhalb Stunden sitze ich auf dem Gipfel und lasse Zeit verstreichen, die bestgenutzte unnütze Zeit. Höre dem Wind zu, wie er mir leise um die Ohren streicht. Denke an meine 108 erreichten Ziele. Wenn ich steige, wenn ich mich von der Anstrengung ablenken muß, um nicht von ihr überwältigt zu werden, dann rufe ich sie alle nacheinander in mein Gedächtnis zurück, vom Gunnbjørn Fjell im Westen bis zum Kasbek im Osten, und alle marschieren sie vor meinem Auge auf, vom Perriertoppen im Norden zum Pico de Teide im Süden, alle mit ihren jeweiligen Eindrücken und Bildern, die Kleinen wie die Großen, und alle gehören sie mir, alle sind sie Denkmäler meines Lebens, an die ich mich gerne reihenweise erinnere, jeder ein Bild oder zwei, wie Blitzlichtfotos. Wenn ich dagegen auf Gipfeln sitze wie jetzt, ändern sich die Bilder, wenn ich dieselbe Phalanx antreten lasse: Da sind es nicht mehr die Erinnerungen an steile, öde Geröllfelder, an windige Passagen oder endlose Durststrecken; da sind es nur noch die sonnenüberschütteten Gipfelstunden voller Glück, die ist es die Dankbarkeit es geschafft zu haben, auf dem einen im Bewußtsein einer elitären Situation totalen Alleinseins, auf dem anderen über alle und alles hinausgehoben dem Himmel nah, Teil des Himmels. Da verschmilzt alles, verschwimmt und ich muß die Augen schließen. Die Konfusion in mir überwältigt mich, die Tränen kommen. Ich lasse sie laufen und spüre denselben Wind, wie er über mein Gesicht fährt, nur kälter jetzt. Ich muß aufbrechen."




Staatsgrenze !

 

"Ich schaue auf eine genauere Karte, hatte schon fast vergessen, daß ich sie im Gepäck dabeihatte. Nein, ein kartographischer Irrtum, ein Ausrutscher, kann es nicht sein: Das komische Ding zeigt eindeutig Konturen. Aber die Karte zeigt mir auch, daß selbst das Sträßchen von Resanovci her über den Grenzübergang bei Kaldrma und das Tal der Butiznica hinunter ein Stück weit bei Gornij-Tiškovac über kroatisches Gebiet führt; es ist also mit Komplikationen zu rechnen. Gornij ist das bergige, Donji das untere, und zu allem Überfluß gibt es auch noch ein Lički  Tiškovac, das von der Lika, der angrenzenden kroatischen Gespanschaft.

Ortsschilder fehlen, und so bin ich nach längerer kurviger Fahrt über mein Etappenziel Resanovci hinausgeschossen und finde mich in Drvar. Also umdrehen und 15 Kilometer zurück in das Dorf, durch das ich als letztes gekommen bin; das muß Resanovci sein. Dort angekommen biege ich rechts auf eine Straße durch ein von Bergen gesäumtes Wiesen- und Waldtal ein. Das muß die Nebenstraße sein, die laut Karte auf Kaldrma zu führt. Nach 2,7 Kilometer halte ich mich an einer Weggabel links, wie es meine Karte suggeriert, und fahre in einer Kurve bergan. Immer wieder setze ich meinen Kilometerzähler auf Null, denn jetzt sollen zwölf Kilometer ohne erkennbares Merkmal folgen.

Der Asphalt hört auf; jetzt fahre ich langsam auf einem Waldweg weiter. Bei Kilometer 5,6 kommt wieder eine Gabelung, bei der ich mich intuitiv rechts halte. Minute um Minute, Kilometer um Kilometer arbeite ich mich vor, niemand begegnet mir, außer einem Hasen, den ich von der Mitte des Wegs in die Sicherheit des Waldes verjage.

Plötzlich, bei Kilometer 6,7, kommt mir ein dicker Lieferwagen der bosnischen Grenzmiliz entgegen, an dem ich mich nicht einfach vorbeischlängeln kann. Wir kommen beide voreinander zum Stehen. Zwei Grenzer auf Streife. Einer der beiden steigt aus. 'Dobro jutro', guten Morgen. 'Kuda?' Wohin? Ich zeige ihm mein Kärtchen, erkläre, daß ich nach Kaldrma im Tal der Butiznica will und dann an der Grenze entlang bis Donji Tiškovac. 'Do you speak English?' Ja, das tue ich. 'This is not possible.' 'But walking? I can walk there.' 'No, not possible for foreigners.'

'Why do you want to go there?' Ich zeige ihm mein Kärtchen genauer, zeige ihm den seltsamen Wurmfortsatz der Grenze bei Donji Tiškovac. Er schüttelt den Kopf, hat keine Erklärung, warum die Grenze dort so spitz wie ein Spieß nach Kroatien hineinstößt. Handelt es sich um alte Klosterrechte auf ein Waldstück in einem Seitentälchen, um alte Wasserrechte? 'I don't know'. Der Grenzer weiß nicht einmal, daß es diesen Zipfel überhaupt gibt.

Ich begreife, es liegt nicht an meinem Auto, daß ich nicht dorthin fahren kann, sondern daran, daß ich nicht in der Grenzgegend wohne. 'Only people living here are allowed on these roads'. Ah, ich muß also umdrehen. Man hilft mir, eine geeignete Stelle am Weg zu finden, wo ich nach vielfachem Gekurbel wenden kann."

 



 

 

 


Auf dem Luban, höchster Berg der ehemaligen italienischen Enklave Fiume, jetzt Rijeka

 

“Vor Rijeka ein Informationsstand am Rande der Autobahn und eine Tankstelle. An den Wänden sind die Prospekte der Hotels aufgestellt, auf der Theke Landkarten und Stadtpläne ausgebreitet. Nun, es könnte nichts schaden, wenn ich einen Stadtplan bekommen könnte – nur der Luban muß darauf eingezeichnet sein. Eigentlich wollte ich nur eine Telefonkarte kaufen, doch ich lasse mich, von der Hitze ermattet, in das übliche Beratungsgespräch hineinziehen.

'Where is Luban?' Die Dame im Touristenbüro, die ich nach Rijeka hineingefahren war, reagierte verstört, hatte keine Ahnung. 'What do you want?' 'Can you speak English?' 'I'm sorry, but my English is not good.' Macht nichts, wir stellen auf Schülerenglisch um. 'I would like to climb Mount Luban.' Solche Fragen wurden ihr noch nie gestellt. Grenzen der Freien Stadt? Stadtplan? Territorium? Höchster Berg? Ich habe ihr den Luban auf dem Stadtplan zu zeigen. Warum ich ausgerechnet nach Rijeka komme und warum ich weder an Badestränden, noch an Hotels interessiert bin, interessiert sie nicht. Von Fiume und seiner italiebnischen Vergangenheit hat sie noch nichts gehört. Sie hört erkennbar auf mir zuzuhören. Mit mir ist kein Umsatz zu machen. Das Stichwort 'höchster Berg' vermittle ich ihr gerade noch. Da, an dieser Stelle, hat sie etwas anzubieten, etwas Auswendiggelerntes. Da gibt es im Hinterland Rijekas den höheren, prominenteren Risnjak mit 1528 Meter; der liege noch dazu in einem Naturschutzgebiet – dorthin könne ich ja eine Tour buchen. Nein, erkläre ich ihr, der Risnjak interessiere mich nicht; für mich müsse es der Luban sein.

'But ..., but where are you going now?' Luban natürlich. 'Luban is the highest mountain within the confines of the old Fiume, and therefore I would like to climb Luban.' 'But there are better mountains ... Have you been already on Risnjak?'

Jetzt bin ich in der Defensive. Muß zugeben, daß ich nicht nur dort noch nicht war, sondern nicht einmal dorthin will; das kann sich die Dame nicht erklären und ich ihr nicht; sie hat nichts verstanden. Ich versuche noch einmal, ihr vom alten Fiume vorzustammeln und von meinem Hobby. 'Aber Istrien war auch italienisch', kontert sie, 'und außerdem: Das ist schon lange her.' Ja , da hat sie recht. Aber Istrien war integraler Teil Italiens und Fiume war Enklave; das ist der Unterschied. Mit eigenen Briefmarken, abgetrennt, abgelöst, unabhängig irgendwie, 'you know?'

Unsere Diskussion führt zu nichts. Sie muß mich für verrückt halten, und wahrscheinlich bin ich es ja auch. Ich ziehe vor, den völlig unzureichenden Stadtplan, den sie mir anbietet, zu nehmen und auf eigene Faust auf die Suche zu gehen. Bedanke mich höflich und lasse die Dame verwirrt zurück. Auch eine Autokarte der Umgebung Rijekas drängt sie mir noch auf, damit ich auch noch andere Berge kennenlerne. Sie hat es immer noch nicht verstanden; mein Hobby ist niemand recht zu erklären, zu abgedreht, schon gar nicht eingängig für Damen von Fremdenverkehrs-Informationsbüros am Stadtrand, deren Aufgabe es ist, alle Ankommenden in Hotels zu kanalisieren. Bin ich noch Teil dieser Welt? Habe ich sie noch alle? Draußen glüht mein Auto in der Mittagshitze. Schatten! Kühlung! Mein Hirn schafft das alles nicht mehr. Und so will ich den Luban besteigen?

Nur alte Karten Fiumes helfen, das merke ich schnell; auf alten Karten ist am Nordeck des Territoriums der früheren Freien Stadt ein Berg namens Luban eingezeichnet – 499 Meter hoch. Das muß er sein.

Ich mache mich also auf den Weg."



ZaraZadar – modernes Schlachtfeld am höchsten Punkt der ehemaligen italienischen Enklave

 

"Von der Kirche führt die Straße Ulica Sv. Nikole Tavelića, benannt nach dem ersten kroatischen Heiligen – um 1340 – 1391 – zu einem Platz, den eine runde Turmruine markiert. Hinter den Ruinen alter Häuser haben sich die Leute neue gebaut. Der zerschossene Rundturm steht, wie ich nur nebenbei in all dem Kriegsgeschehen feststelle, auf dem Gipfel meines Monte Malpaga, 124 Meter hoch die höchste Stelle der ehemaligen Enklave Zara. Den heutigen kroatischen Namen der Anhöhe konnte ich nicht feststellen und habe mich auch gar nicht darum bemüht: Zu sehr war ich abgelenkt von den Kriegs-Erinnerungsstücken, die hier versammelt waren: Ein ausgedienter Panzer zum Beispiel, seine Geschützrohre auf Zadar gerichtet. Einen groteskeren Höchsten in meiner Sammlung habe ich selten bestiegen. Jungvolk des Ortes beginnt sich für mich zu interessieren: 'Guten Tag, alles gut?' Ja, alles gut. Ich ergreife die Flucht."

 



 

Nicht näher treten ! Große Minengefahr !

 

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