DE EN

Start

Warum?

Über mich

Die Höchsten

Gipfel & Grenzen

Von nun an geht's bergauf

Meine Höchsten

Deutschland extrem

Deutschland
ringsherum

Zu den Quellen!

602 Grenzsteine

Vier Grate-Ein Gipfel

Eigener Staat oder Niemandsland?

Wall und Graben

Pfad zur Pfalz

Berge der Bibel

Was als Nächstes?

Schlüsselbegriffe

Links

Impressum/AGB

 

Nenezkij Avtonomnyj Okrug – Gora More-iz


Autonomer Bezirk in der Archangel'skaya Oblast' der Russischen Föderation, bewohnt vom indigenen Nomadenvolk der Nenzen oder Samojeden, eine uralische Sprache sprechend





Bis auf weiteres gibt es hier nur einen extern publizierten Artikel / Until further notice there is only one externally published article:

 

http://www.hikr.org/tour/post27396.html in German;

http://www.summitpost.org/view_object.php?object_id=657795&confirm_post=7 in English.


Beim Fest zu Ehren des Rentiers im Autonomen Kreis der Nenzen -- http://www.youtube.com/watch?v=mzBBgbRt5GY&feature=related




Zur Gora More-iz über die Tundra des Naturschutzgebiets Bol'schezemel'skij


Auszüge:

"Nun wird es richtig schwierig; der karelische Höchste mochte noch gerade erreichbar sein; aber die Nenzen! Im Nordosten des europäischen Rußland habe ich das Sondergebiet des “Autonomen Kreises” dieses Volkes entdeckt, und 'autonom' bedeutet für mich, den höchsten Berg dort aufzusuchen. Meine Landkarten widersprechen sich: Ein paar Hundert Meter hoch ist er – wieviel genau weiß aber anscheinend niemand so genau; die Angaben schwanken zwischen 423 in der alten sowjetischen Generalstabskarte aus dem Zweiten Weltkrieg und 563 Meter im Diercke-Atlas von 1948! Einen Namen hat er sogar, Gora More-iz, wie ich bei Recherchen im Internet herausfinde, aber Straßen gibt's keine weit und breit, nur einen 'Awtozimnik', eine nur im Winter befahrbare Trasse – von dem Verwaltungs-Hauptort Nar'jan Mar her. Das mit dem 'Zimnik' ist klar, Frost macht ihn hart, dann hält er Allradfahrzeuge oder Panzer aus. Wie soll ich aber nach Nar'jan Mar kommen?

Auch der Zimnik hat so seine Tücken, er scheint auf der Landkarte 1 : 3 Millionen der Archangel'skaja Oblast' von 2004, der neuesten, derer ich habhaft werden konnte, öfter unterbrochen, da, wo es über Flußläufe gehen soll. Da ist dann ein Anker auf meiner Karte eingetragen, wo der Zimnik an ein Flußufer stößt, und weiter, an der jenseitigen Landestelle flußauf- oder -abwärts wieder ein Ankerchen. Die Hoffnungsanker!! Heißt das, daß ich dort mein Vehikel auf einen Dampfer verladen kann?"




So schön sieht eine Bahnfahrkarte in Rußland aus: Denn Bahn fahren ist dort ein Fest! Hier geht es von Moskau, Jaroslawler Bahnhof, nach Archangelsk mit Zug Nr. 016 ЯÐ, am 28. Juli um 10 Uhr 05. Die Fahrzeit wird 23 Stunden betragen.

 

Der FSB spielte das für Geheimdienste übliche geheimniskrämerische Spiel: 'Woher haben Sie unsere
Telefonnummer?' 'Aus dem Internet'. Betretenes Schweigen auf der anderen Seite. 'Sagen Sie, was Sie wollen'. … 'Ich werde das weiterleiten'. 'An wen?' 'Darf ich nicht sagen.'

Daß sich der FSB überhaupt mit einem Ausländer abgab, war schon verwunderlich. 'Wann ist Ihr Geburtstag?' 'Was haben Sie die letzten zehn Jahre gemacht?' Noch heute rätsele ich über den Sinn dieser Fragen. 'Rufen Sie morgen wieder an.'

Morgen ist ein anderer am Telefon. 'Sagen Sie, was Sie wollen.' Wieder dieselbe Story. 'Werde weiterleiten'.





Unter der Knute der gestrengen Schaffnerin

 

"So startete ich am 27. Juli, nur mit einem Flugticket nach Moskau und einer Bahnfahrtkarte weicher Klasse nach Archangel'sk in der Tasche, dafür aber mit ein paar Unsicherheiten im Kopf: Der Flug nach Amderma würde nur bei gutem Wetter stattfinden und nur wenn mindestens fünf Fluggäste erschienen – dazu bestand gute Aussicht, denn alle Russen, die ihre Ferien am Schwarzen Meer verbracht hatten, waren jetzt auf der Rückreise. Aber andererseits würde ich das Flugticket nach Amderma erst in Archangel'sk kaufen können, und nur mit einem Propusk des FSB. Wenn sich der FSB also Zeit ließe, das Dokument auszustellen, könnte es so weit kommen, daß alle freien Sitze im Flieger belegt wären; dann hätte ich das Nachsehen und könnte zusehen, wie ich die mir durch das Visum auf 30 Tage begrenzte Zeit an der Narodnaja im Ural zubringen könnte. Alles also im Grunde immer noch in der Schwebe."





Der Inlands-Geheimdienst FSB sagt "im Prinzip ja" zu meinen Plänen!

 

"6 Uhr 51. Ankunft am frühen Morgen in Archangel'sk. Trotz der ungewöhnlichen Uhrzeit ist Julija von Inturist am Bahnsteig erschienen, um mich in Empfang zu nehmen und zum Hotel Dwina im Troitskij-Prospekt Nummer 52 zu bringen. Wir fahren vom Bahnhof am Rande des Zentrums über die Woskresenskaja Uliza, Auferstehungsstraße, von 1920 bis 1993 Uliza Engel'sa, Engelsstraße geheißen, direkt ins Herz der Stadt. Von Auferstehung über Engels, der sie eigentlich bringen sollte, zurück zur Auferstehung, die nur aus Hoffnung besteht. Welchen Wandel hat auch diese Stadt durchgemacht!

Nur kurz läßt mir Julija Zeit, um mich im Hotel frisch zu machen, dann holt sie mich ab und führt mich ins Nachbarhaus Nummer 7, das zur Seitenstraße Pomorskaja gehört. Dort im dritten Stock, Büro 325, residiert Inturist. Julija zeigt mir das Flugticket, das sie schon für mich gekauft hat und sagt mir, was es kostet. Aha, immerhin der Flug ist sicher. Geld will sie sehen. Den Propusk des FSB dagegen hat sie noch nicht, wird sie noch rechtzeitig bekommen, sagt sie. Ich zähle mein Geld, es reicht nicht; ich muß sehen, ob ich heute noch einmal aus dem Automaten Geld ziehen kann oder ob mein Tageslimit schon erreicht ist. Zurück zum Hotel; dort gibt es einen Automaten. Ja, er spuckt Geld aus. 12 Uhr. Gut ausgestattet mit Geld ziehe ich wieder zu Julija. Noch hat sie keinen Propusk. Ich werde deutlicher, zeige ihr mein Geld: Jawohl, ich kann zahlen, aber erst will ich das, wenn ich den Propusk in Händen halte".






Keine Angst! Nur 80% der Häuser in Amderma sehen so aus. Eine Folge des aufweichenden Permafrosts.

 

"Noch auf dem Rollfeld besteigen zwei Milizionäre im Kampfanzug das Flugzeug und prüfen Pässe und Propuski. So gut wie jeder Passagier hat einen Propusk vorzuweisen, soweit ich beobachten kann. Dann dürfen wir aussteigen. In der düsteren 'Halle' des heruntergekommenen Flugplatzgebäudes stöbert mich Sergej Kozyulin auf. Nach den wenigen e-Mails, die wir ausgetauscht haben, begrüßen wir uns schon wie alte Bekannte: Nach Amderma verirrt sich nur selten ein Deutscher, ich bin etwas Besonderes.

So sieht das auch das wachsame Auge eines Milizionärs, der mich zu einer nochmaligen Kontrolle abführt. Diesmal vergleicht er genau die Paßnummer mit dem entsprechenden Eintrag im Propusk, Ziffer für Ziffer fährt er mit dem Zeigefinger drüber, als wolle er die Nummer scannen. Dann finden sich alle Passagiere vor dem Gebäude auf einem Platz ein, umgeben von Bauhütten und Schrott. Ein Lastwagen mit unserem Gepäck fährt vor, schnell springen ein paar auf die Ladefläche und reichen Kisten und Koffer herunter".


"Ich spaziere die Uliza Poljarnaja hinauf, die 'Polarstraße', bis ich das am Hang über der Kara-See hingestreute Dorf überschauen kann. Der Hang mit dem Dorf steigt in Stufen landeinwärts an, zunächst unten mit der Uliza Tschentral'naja beginnend, der Zentralstraße, dann eine Stufe höher 'meine' Leninstraße, und so weiter noch zwei oder drei Stufen, bis man oben auf der Anhöhe steht und ins Leere der Tundra blickt. Die 'Poljarnaja' zieht senkrecht dazu. Wohin bin ich geraten? Alles Verfall. Nur noch wenige Einwohner halten hier die Stellung, seit die Fluorit-Minen geschlossen wurden. An einem Eckhaus lungern die Verlierer der Wende herum, Männlein und Weiblein, alt und jung, trostlos umhertorkelnd, mit Wodkaflaschen in der Hand".





Meine Unterkunft an der Lenin-Straße sieht doch ganz manierlich aus!

 

"Zurück in die Leninstraße 10. Jetzt ist Russischstunde angesagt. Im Ersten Fernsehkanal – perwoj kanal' – läuft nachmittags immer die Serie 'Bundesrichter' – federal'nyj sud'ja. Szenen aus gestelten Gerichtsverhandlungen werden gezeigt, Staatsanwalt, Verteidiger, Richter, Angeklagter und Zeugen, ja selbst Gerichtsdiener spielen eine Rolle – im Hintergrund an der Tür des Verhandlungssaals immer ein stoisch dreinblickender Bewaffneter: Offenbar soll dem russischen Volk vorgespielt werden, wie ein Rechtsstaat funktioniert, woraus das russische Volk schließen soll, Rußland sei ein solcher. Dazwischen immer Werbung für Hautcremes und den neuen, mit deutscher Technologie ausgestatteten Schnellzug 'Sapsan', der Sankt-Petersburg mit Moskau und Nizhnij Nowgorod verbinden soll".




Nenzen beim Einkauf in der Stadt. Das Rentiergespann mit Schlitten ersetzt hier das Auto.




Sergej macht seinen Panzer fahrbereit ...




... und schon kann die Fahrt über die Tundra losgehen.




Auf dem Weg zum Ziel




Der Teekessel wird mit einem Flammenwerfer erhitzt. Der Panzer dient als Windschutz.




Auch das Privatleben der Russen ist immer noch durchmilitarisiert.




Die Gora More-iz kommt in Sicht.




Auf meinem schönsten Tundra-Gipfel






Der Reichtum der Nenzen sind die Rentierherden.

 

"9 Uhr 30, auf halber Strecke, immer den Rillen von Vorgängern folgend und Sumpflachen ausweichend, dreht Sergej seine Maschine aus: Teepause mit Brot und Speck. Über uns der weite, arktische Himmel, vor uns das Auf und Ab flacher Bodenwellen. Dann geht es wieder mit Geratter und Geknirsche weiter, zuletzt auch, nachdem eine geeignete Furt gefunden war, durch einen im glockenhellen Licht des Tages leuchtend blau dahinströmenden Fluß".


"Nächster Tag. Im Dorfladen gibt es keine Wurst, kein Joghurt, dafür aber frischgebackene Pljuschki = Kringel, und ein Glas mit Gurken aus Vietnam. Gut, dann eben heute Kringel mit Gurken".






Zur Rückfahrt eine Fischsuppe – frisch geangelt aus dem nahen See




Zurück in den Müll Amdermas




Wie lange wird es dieses "Haus" noch machen?

"In der Lenin-Straße komme ich an einem traditionellen Holzhaus in erbärmlichem Zustand vorbei, das von einem älteren Nenzenpaar bewohnt wird. Sie sprachen mich schon einmal vor Tagen auf der Straße an, ein zahnloses Weiblein mit schriller Stimme schüttelte mir die Hand. Damals konnte ich mich noch mit der Standardbemerkung 'izwinitje, ja ni gawarju pa-Russki' losreißen. Heute stehen plötzlich beide vor mir, auch der Alte mit zerzaustem schwarzen Haar und einem hübsch damit kontrastierenden Goldzahn, auf der mit Pfützen vom letzten Gewitter übersäten Schlammstraße, halten mich fest und schauen mich glücklich an. Ich weiß nicht, was sie von mir wollen, mich vielleicht willkommen heißen, mich zum Saufen einladen, betteln? Wieder ist es mir peinlich, und daß ich sie kurzangebunden stehen lasse, beleidigt sie. Um die Ecke herum in der Seitenstraße, die zu Sergejs Quartier führt, begegnet mir ein junger Soldat in Kampfuniform mit ausgestreckter Hand. Mit ihm habe ich weniger Hemmungen, weil er mir russisch und damit vertrauter vorkommt. Als erstes bestaunt er meinen Sweater mit der Aufschrift 'Doylestown, Pennsylvania'. Das veranlaßt mich, ihm zu erklären, daß ich 'Njemets' bin, Deutscher. Er mißversteht das zuerst als 'Nenets', Nenze; dann müssen wir beide lachen, nein, Deutscher bin ich, kein Nenze. Wir seien Freunde, jetzt, sagt er, greift nach meinem Arm und verkrallt seine Hand in meiner. Ist das wirklich so, oder sehnt er sich eine Art 'Freundschaft' herbei?"






Die Lenin-Straße in Amderma nach einem Regen

 

"Abends Gewitter über Amderma, wohl etwas ungewöhnlich hier oben im Norden. Natürlich fallen Fernsehen und Warmwasser wieder aus. Nach trostlosem Abend weckt mich Sonnenschein und die letzten Donner des abziehenden Unwetters zu einem weiteren, untätigen Tag. Ein Reparaturteam klettert auf den Strommasten herum und zieht neue Leitungen ein – aha, ich begreife: Daran lag es, daß wir keinen Strom hatten.

Draußen weht ein warmer Wind. Heute wandere ich ein Stück nach Süden aus dem Dorf hinaus und komme zu einem stillgelegten Bergbaubetrieb, alles inmitten von Ruinen, Schrott und zerrostenden Behältern. Hier ist nichts Interessantes zu finden. Am Nachmittag sieht es besser aus: Ich wandere, nur weil so schön die Sonne scheint, auf der Uliza Dubrowna nach Westen aus dem Dorf. Über eine Brücke führt die Straße auf die Sandbank, die eine Lagune links vom Eismeer rechts trennt. Auf der Brückenmitte schafft ein Schild 'Nicht stehenbleiben!' die richtige Ordnung. Voraus liegt das Flugplatzgebäude. Nach vier Kilometern erreiche ich den blau angestrichenen, scheinbar ohne Plan hingeschusterten, ramponierten Bau. Der als Eingang dienende Verschlag ist abgeriegelt; niemand scheint irgendeinen Dienst zu tun. Ich drehe wieder um und lasse mich vom Wind ins Dorf zurücktreiben.

Tatsächlich: Das Warmwasser ist wieder zurück, die Elektriker haben ihre Arbeit beendet."




 

Weiter zu Kapitel 122