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Verwicklungen zwischen Bosnien und Serbien: die Enklave Sastavci und der Bezirk Brčko


Sastavci: bosnische Exklave auf serbischem Gebiet. Das bedeutet völlige Ruhe. Der höchste Punkt im Wald versteckt


Auszüge:

"Was für seltsame Gegenden ich doch aufsuche! Und was für noch seltsamere Begierden mich darin umherstöbern lassen! Alles Folgen meines Lebenslaufs, bei dem ich zu Anfang auf eine bestimmte Schiene gesetzt wurde.

Was wäre, wenn mein Vater mich nicht in das geheimnisvolle Wesen von Landkarten eingeführt hätte? Wenn meine Mutter mit mir als kleinem Buben nicht in Lichtbildervorträge von weit entfernten Ländern gegangen wäre? Wenn meine Eltern mich nicht ins Kleine Walsertal geführt hätten, sondern 'nur' in den Odenwald? Wenn sie mit mir nicht dort zum ersten Mal auf Alpengipfel gestiegen wären, die total anders waren als die gewohnten aus dem Odenwald? Der Odenwald stand immerhin zur Diskussion, Anfang der Fünfziger Jahre, ich erinnere mich noch, stand vor der Haustür und wäre viel eher erreichbar gewesen für eine Familie mit schmalem Budget. Was wäre, wenn ich nicht dadurch Ausdauer und Zielstrebigkeit gelernt hätte? So bedeutet mir Forschen und Ergründen, Umherstreifen und Entdecken, Berge ansteuern und auf ihren Gipfeln stehen seitdem alles im Leben. Was, wenn ich nicht die seltsame Mischung aus Vorsicht von meinem Vater und Risikofreude von meiner Mutter geerbt hätte, so daß ich je nach Bedarf und Lage das Eine oder Andere hervorholen konnte?

Das Leben ist keineswegs allein nur eine Kette von Zufällen. Zum Teil ist es wie eine Folge stürzender Dominosteine, jedes Ereignis ein anderes auslösend. Dann aber auch das Produkt eigener Entschlüsse; beide greifen ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Wie selten habe ich die von Zufällen plötzlich gebotenen Gelegenheiten nicht erkannt, geschweige denn genutzt! Wie oft habe ich mich auf Ziele versteift, von denen ich von vornherein wußte, daß sie zu erreichen sinnlos war! Welchen Sinn kann es haben auf Berge zu steigen?

Nun, das mag man gerade noch erklären können als eine Sucht, das eigene Selbstbewußtsein zu stärken, sich selbst zu bestätigen. Aber im Unterholz nach unscheinbaren Geländepunkten eingebildeter Wichtigkeit zu suchen, nur um später sagen zu können: 'Ich war auch da?'

Und wieder war es nur der Zufall, der in beständiger Abfolge immer wieder meisterhaft dazwischengrätschte und mir verständlich zu machen suchte, daß gegen seine Gunst und Gnade alles Selbsterarbeitete wertlos sein kann und nichts gilt. Ist es daher ein persönliches Verdienst, daß es mir gelingt, einen Berg an den anderen zu reihen? Oder ist es nicht vielmehr nur Zufall, daß ich auf dem ganzen Weg meines Lebens vor Unglücken bewahrt wurde, die mich umgedreht, herabgebogen hätten?

Und so bin ich nun jetzt auf dem Weg nach Sastavci. Keiner zu Hause weiß, was Sastavci ist, und ich ahne es nur."



"Die Beweislage ist dünn. Zwar weiß ich nicht genau, wo hier die Enklavengrenze läuft, doch die nähere Umgebung suggeriert, daß ich recht habe: Von der Straße rechtwinklig weg zieht ein ebener Bergrücken. Ich stehe an diesem Bretterhäuschen in der Rechtskurve bei Kilometer 6,3 an einer Art Wasserscheide: Nach links hin fällt das Gelände in Richtung Sastavci ab, nach rechts in einen jenseits fallenden Hang. Der Bergrücken könnte also gut eine Besitzgrenze abgeben, und damit die Grenze von Sastavci mit Serbien sein. Ich muß improvisieren. Immer wieder halte ich mir mein armseliges Kärtchen vor die Augen, prüfe, wie weit ich eigentlich schon vom Dorf entfernt bin: Ja, es könnte stimmen. Nehme ich einfach mal an, es stimmt.

Wenn ich den Kamm der Wasserscheide entlangschaue, geht da eine Wegschneise zwischen den Bäumen hinüber ... Dort muß ich hin, prüfen, ob es noch was Höheres gibt. 120 Meter etwa gehe ich auf dem Wasserscheidenkamm entlang in nordöstlicher Richtung und stehe am Ende auf einer kleinen Anhöhe mitten im Wald. Wieder messe ich, und diesmal mit sechs Meter Genauigkeit: 521 Meter hoch, Nord 43 Grad 33,035 Minuten Ost 19 Grad 25,633 Minuten. Hier bin ich allemal höher als vorhin, aber ist er das nun? Ist es hier? Oder muß ich noch weitersuchen?"


Bezirk Brčko: Gemeinsam serbisch-kroatisch-moslemisch verwalteter Distrikt Bosniens und Herzegowina


"Ich beschließe, bevor ich ins Ungewisse wandere, noch dazu bei schlechtem Wetter, lieber noch einmal nach Brčko zurückzufahren und dort das Touristenbüro aufzusuchen, um eine geeignete Karte aufzutreiben. Unterwegs fahre ich mir in einem Restaurant am Straßenrand den üblichen Ćevapčići mit Pommes frites und Tomatensalat ein, zusammen mit einem Tuzlanski Pilsner. So gestärkt, lande ich in Brčko in einer Einkaufspassage im Büro von 'Dynamic Tours'. Der Name sagt schon alles – völlig unbrauchbar. Die Dame verweist mich an ein Zweitbüro von Dynamic Tours im Hotel Jelena, nur 100 Meter weiter: genau dieselbe Pleite. Dann frage ich nach dem Rathaus: Noch einmal 200 Meter, und ich stehe an der Portiersloge.

Der Portier kann natürlich kein Deutsch oder Englisch, holt aber ein paar gerade verfügbare Angestellte herbei, aus denen sich einer herauskristallisiert, der mich durch das Haus begleiten soll. Wir landen zuerst im ersten Stock bei einer Dame, die zwar ausgezeichnetes Englisch spricht, die Spezifika und die Spitzfindigkeit meiner Frage nach dem höchsten Berg des Bezirks lange nicht recht versteht: 'Schreiben Sie? Sind Sie Journalist? Wissenschaftler?' Von allem ein bißchen. Genau betrachtet suche ich eine Karte, die sowohl die Grenzen des Brčko-Distikts wie auch Höhenangaben genau genug wiedergibt, so daß ich mir die Frage selbst beantworten kann. Schließlich hat sie ein Übersichtskärtchen an der Wand ihres Büros hängen, das die Feinstruktur des Bezirks zeigt, für den Anfang nicht schlecht.

Sie verweist an das Kataster/Geometer-Büro. Angestellte der Stadt und des Bezirks arbeiten in demselben Rathaus. Wieder einen Stock höher, und ich betrete Zimmer 57 am Ende des Flurs – immer sitzen Katasterleute oben am Ende des Flurs, so war das schon im Saterland und im Selfkant. Ich begrüße Frau Dejana Itrić, eine sehr ernst und gewissenhaft dreinschauende ältere Dame. Ich weiß gleich: Wenn sie nichts produzieren kann, wer dann?

Zusammen mit einem jüngeren Angestellten macht sich die Dame über einen Schubladenschrank her, in dessen herausziehbaren Laden die Karten ruhen, die ich suche: alles Meßtischblätter. Lange brauchen die beiden, eine Karte nach der anderen wird ans Licht gezogen und begutachtet. Endlich konzentrieren wir uns auf Blatt 4 der Liste 86 mit dem Titel 'Tuzla'. Am oberen Kartenrand finden wir rechts Ratkovići, dann weiter westlich Vražići und in der Mitte „Velino“ Selo, identisch mit dem Veliko Selo auf meiner Autokarte. Es gibt kein 'velino', veliko bedeutet groß, also 'großes Dorf'. Noch ein Stückchen weiter westlich befindet sich Zečevići und der Weiler Bunarić. Noch weiter westlich, fast am linken oberen Eck der Karte der Ort Maoča Tuzlanska. Alle gehören noch zum Distrikt Brčko, wie mir Frau Itrić bestätigt. Die Grenze des Bezirks soll ziemlich scharf hinter den genannten Orten verlaufen, südlich von ihnen, wo aber genau, das weiß Frau Itrić auch nicht. Jenseits ist der Bezirk Tuzla. Auch das Maoča Tuzlanska gehört noch zu  Brčko, trotz seiner Bezeichnung, die es Tuzla zuordnet: 'das zu Tuzla gehörige'.

Südwestlich von Maoča Tuzlanska sehe ich den Berg Pibolj mit 680 Meter. Gehört der noch zum Bezirk Brčko? Frau Itrić ist sich nicht sicher. Wenn, dann wäre er der Höchste im Bezirk. Noch weiter südwestlich, ganz am äußersten linken Kartenrand, liegt die Okresanica mit 815 Meter. Die soll laut Frau Itrić außerhalb des Bezirks Brčko liegen, da ist sie sich ziemlich sicher. Allerdings sticht mir der Name des Bergs ins Auge: Okres bedeutet im tschechischen Bezirk. Liegt die Okresanica also auf der Bezirksgrenze? Ist sie eine 'bezirkliche'?

Nein, sagt Frau Itrić, der höchste Punkt des Bezirks Brčko sei schon ungefähr dort, wo ich gerade im Regen war. Es sei der Punkt 515 in der Majevica hinter dem Ort Gornji Zovik, der 515er hinter dem Weiler Bunarić auf der Karte. Ich werde sie sicherheitshalber alle drei besteigen müssen, den Punkt 515 in der Majevica, den Pibolj und die Okresanica.

Auf mein Bitten hin kopiert man mir die Karte. 'Bitte sagen Sie nichts davon unserem Chef!' Frau Itrić rollt mit den Augen und hebt den Blick zum Himmel. 'Unser Chef ist da so ein bißchen komisch, wissen Sie. Eigentlich dürfen wir das nicht kopieren. Eigentlich dürfen wir gar nicht mit Ihnen reden.' Oh je, was habe ich angefangen!"

 

Gemeinsam serbisch - kroatisch verwaltetes Gebiet Brčko: Hier mußte mir das örtliche Vermessungsamt bei der Suche nach dem höchsten Punkt helfen

 

"Drunten wieder in Gornji Zovik gerate ich zwischen die Dorfjugend, Mädchen und Jungen, alle zwischen 14 und 15 Jahre alt. Alle sprechen sie fließend deutsch. Alle sprechen sie sogar mit deutscher Dialektfärbung, der eine österreichisch, die andere schweizerisch. Woher ich komme, wollen sie wissen. Was ich hier mache. Sie staunen, das hätten sie nicht erwartet, daß hier jemand kommt, nur um im Gelände herumzusteigen. Schlangen gäbe es auf der Majevica, warnen sie. Zu spät, ich war schon oben und bin heil wieder heruntergekommen. Sie warten nicht auf meine Antwort, dazu sind sie zu ungeduldig, zu leicht ablenkbar. Denn schon hatte die erste, ein auffallend hübsches Mädchen, einen Blick durch mein Autofenster geworfen: 'Schlafen Sie darinnen?' Ja, antworte ich und will zu einer Erklärung ansetzen. Doch auch das ist ungeeignet, um die Neugier zu stillen. Sofort kommt die Frage hinterhergeschossen: 'Sind Sie verheiratet?' Ich bin immer noch im Glauben, daß ich höflicherweise auf jede Frage eine Antwort geben muß. 'Ja'. Das war strategisch falsch; irgendwie habe ich jetzt Interesse eingebüßt. Trotzdem interessiert noch meine Matratze hinter dem Fahrersitz. Kichern hinter vorgehaltener Hand. Mein Lebensmodell ist völlig neu für die Dorfschönen und daher faszinierend. Ich werde keck: 'Gerne würde ich eine von euch mitnehmen, aber nicht jetzt, jetzt ist es hier drin zu eng. Ich komme wieder in zehn Jahren, dann vielleicht.' Wieder Kichern. Jetzt nachdenklich: 'Haben Sie Kinder?' Den logischen Zusammenhang muß man mir noch erklären.

Kinder, Heranwachsende einer Generation, deren Eltern es durch die Umstände des Krieges in ruhige Gegenden Mitteleuropas verschlagen hat; aufgewachsen sind sie in Schladming am Dachstein und in Basel. Dazwischen welche, die aus dem Ort stammen. Beide Sorten passen nicht recht zusammen. Ist das eine neue Quelle für Unruhe und Streit?"

 

 

Dieses Kapitel ist erhältlich als Teil von Buch O und

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