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Udmurtien – Namenloser Punkt im Nordosten der Republik,

auf der Verkhne-Kamskaya Vozvyshennost', bei den Dörfern Karpuschata und Lutschenki oder beim Weiler Nowosely, oder bei Sizewo nördlich von Kuliga?


Autonome Republik im Verband der Russischen Föderation, bewohnt von den finno-ugrischen Udmurten und den tatarischen Bessermjenen



Mein Jagdrevier für den höchsten Punkt Udmurtiens liegt um das Dorf Kuliga im Nordosten der Republik.



Punkt 316 nordwestlich von Kuliga ist einer der vielen Kandidaten. Gleich östlich davon, nicht bezeichnet, eine noch höhere Kuppe bei урочище Сизево

"Wo ist hier in Udmurtien ein höchster Punkt? Ich verfüge über eine neue Karte der Republik aus dem Jahr 2006 im Maßstab 1 : 200 000, mit Höhenlinien, die 20-Meter-Höhendifferenzen wiedergibt. Ich lasse mein Adlerauge über die Karte streichen und entdecke im Nordosten zwei Punkte, auf der Verkhnje-Kamskaya Vozvyshennost’, der 'Верхнекамская возвышенность', dem Ober-Kama-Landrücken, die als höchste in Frage kommen:

·  Einen mit 322 Meter nordwestlich von Karsowaj – Карсовай, zwischen einem Haus, das als 'лет. Фефилята' bezeichnet ist, und dem Weiler Север, Sewer. 'лет.' steht für 'летник, Letnik' oder 'летовка, Letowka', das so viel wie 'Alm' oder 'Sommerlager' bedeutet; Alm Fefiljata also. Direkt bei dem Punkt sehe ich ein weiteres Almhüttchen eingetragen, das nur mit einem 'лет.' ohne Zusatzbezeichnung versehen ist;

und

· einen anderen mit 316 Meter nordwestlich von Kuliga — Кулига, an einem Weg der aus dem Dorf an einem Punkt vorbeizieht, der mit 'ур. Степаненки' bezeichnet ist. 'ур.' steht für 'Урочище, Urotschischtsche', das so viel wie 'Landstrich' oder 'Gegend' bedeutet; also die Gegend des Herrn Stepanenko, der dort ein Waldgrundstück besitzt.

All diese Kenntnisse entnehme ich dem Abkürzungsverzeichnissen für sowjetische Militärkarten. Ohne die Karten des sowjetischen Generalstabs wäre ich völlig hilflos!

Doch ich muß genauer hinschauen. Muß die Höhenlinien und ihren Verlauf studieren. Da zeigt sich, daß sich sieben Kilometer östlich von dem ersten Punkt eine Hochfläche befindet, in der Nähe des Weilers Новоселы, Nowosely; die Höhenlinien zeigen an, daß die Fläche höher als 320 Meter sein muß. Doch nicht nur das: 2600 Meter östlich des zweiten Punktes finde ich eine ähnliche Kuppe, deren Höhenlinien mir mitteilen, daß sie mindestens 330 Meter hoch ist.

Es geht also noch eine Weile weiter mit Theorie. Keiner der zuerst angepeilten Punkte ist bei näherer Betrachtung ein Volltreffer. Ich brauche genauere Karten. Аuch muß ich das Internet bemühen und dort nach 'самая высокая точка Удмуртской республики', samaja wysokaja totschka Udmurtskoj respubliki, die höchste Stelle der Udmurtischen Republik, oder nach 'cамая высокая точка Удмуртии', samaja wysokaja totschka Udmurtii, höchste Stelle Udmurtiens, suchen."

 

Auszüge:

 


Ich folge der Sowjetskaya-Straße zum Ursprung der Kama.

 

"Nach dem gestrigen Regen hat sich die Straße nach Kuliga in eine Schlammpiste verwandelt. Ordentlich asphaltiert war sie sowieso nur einige Kilometer, dann ging sie in eine erdig-schmierig-seifige Rutschbahn über. Doch ich erreiche den Außenposten im äußersten Nordosten Udmurtiens ohne Probleme. Dort endet die Straße an einer T-Kreuzung und einem strategisch wichtigen Einkaufsladen.

Vor dem Laden kann man das Problem Rußlands besichtigen: Auf einer Bank hat sich eine Gruppe Säufer eingefunden, Männer und Weiber. Die Flaschen stehen vor ihnen auf dem Boden. Einer hat gerade im Laden 'Nachschub' besorgt und torkelt schwankend die Stufen vor dem Laden hinunter – fast wäre er in die Knie gegangen, so setzte ihm die plötzliche Abschüssigkeit zu; ich verstehe das deutsche Wort 'Нахшуб' und staune: Was ich alles von russischen Besoffenen lernen kann! Jetzt hocken sie wieder friedlich auf der Bank zusammen und heben ihre Flaschen."


 

Hier entspringt die Kama, der bedeutendste Nebenfluß der Wolga.

 

"Derweil biege ich rechts in die 'улица Советская', die Ulitsa Sowjetskaja, die sowjetische Straße ein, fahre ein paar Hundert Meter zwischen den Holzhäusern des Dorfes dahin, dann dem Wegweiser folgend rechtwinklig nach links in der "улица Пушкина", der Puschkinstraße, bis an den nordwestlichen Ortsausgang. Dort versinkt die Straße endgültig in wassergefüllten, parallelen Rillen. Gegenüber von Haus Nummer 53 parke ich; dort ist der Eingang zu einer kleinen, hübsch gepflegten Parkanlage um die offenbar im Jahr 2007 gefaßte Quelle der Kama. Munter sprudelt die Kama aus einem Rohr. 'Здесь берет начало уральская река Кама' steht auf einem Schild – 'hier nimmt der uralische Fluß Kama seinen Anfang', eine Reise, die 1800 Kilometer lang gemächlich mit nur 240 Meter Gefälle der Wolga entgegenführt, und dabei überhaupt nicht direkt: erst 200 Kilometer nach Norden, dann 200 nach Osten, bevor sich der Fluß endlich zu seiner endgültigen Süd- und Südwestrichtung anschickt.

Die Bewohner des Hauses 53 erinnern sich, daß ich drei Jahre zuvor schon einmal hier war! So selten sind exotische Besucher in Kuliga; so genau schauen die Einheimischen hin. Sie betreiben in ihrem Haus ein Museum und kümmern sich rührend um den Park – während zu ihrem Leidwesen die Dorfoberen nichts dafür übrig haben."


 

Eine typisch-russische Erdpiste führt zum Ort hinaus ...

 

"Der ganz ordentlich ausgebaute Feldweg führt mich zuerst auf eine sanfte Anhöhe. Kurz danach gabelt sich der Weg. Intuitiv nehme ich den rechten Zinken der Gabel. Er leitet mich in eine Senke, begleitet von Wald, über ein Bächlein hinweg – das ist ein Quellbach der Kama! –, dann auf eine zweite Anhöhe hinauf. Einen Holzpfahl mit der Markierung '5' finde ich dort. Das müßte meinem Gefühl nach der Lokalität 'ур. Степаненки' entsprechen, der Urotschischtsche Stepanenki, wie die Karte unkar sagt, einer 'Gegend von Stepanenko'. Hinter dem Holzpfahl kann ich eine Andeutung eines Gipfels bestimmen: auf sechs Meter genau 318 Meter hoch, 58 Grad 13,396 Minuten Nord, 53 Grad 45,215 Minuten Ost. Ich halte das für die Kuppe, die auf der Karte direkt links von dem 'C' von 'Сизево' zu sehen ist; laut Karte müßte sie geringfügig höher als 320 Meter sein. Das entspricht also meinen Meßergebnissen ganz gut.

Unter dem Wort 'Сизево' steht auf der Karte der Vermerk 'нежил.' Die Abkürzung finde ich nicht in meinen Verzeichnissen, es ist aber unschwer zu erkennen, daß 'не' für 'nicht' und 'жил.' für 'жилой', zhiloj = bewohnt steht. Das Sizewo ein Stück östlich von meinem Weg ist also unbewohnt. Vom Gipfel der zweiten Anhöhe sehe ich in der Ferne eine noch höhere dritte vor einem Wäldchen. Auf ihrem Gipfel messe ich auf sieben Meter genau: 321 Meter Höhe, 58 Grad
13,948 Minuten Nord, 53 Grad 45,310 Minuten Ost. Ich habe mich also von der zweiten zur dritten Anhöhe erwartungsgemäß mehr nach Norden bewegt – 0,552 Minuten –, aber auch ganz geringfügig nach Osten: 0,095 Minuten; das war mir spontan nicht so klar, aber es korrespondiert gut mit meiner Vermutung, daß ich auf der namenlosen Kuppe westlich von Sizewo stehe.

Schaue ich mich auf der dritten Anhöhe um, so sehe ich in der Ferne noch eine Bodenwelle, die mit der dritten konkurriert. Also auch dort hin! Der Weg führt exakt in die gewünschte Richtung und taucht, bevor ich den höchsten Punkt erreiche, in ein Birkenwäldchen ein. Die Karte entspricht nicht dem, was ich vorfinde, aber es könnte sein, daß das Birkenwäldchen zu jung ist, um auf der Karte seinen Niederschlag gefunden zu haben. Schon optisch scheint, durch die Bäume geblinzelt, diese vierte Anhöhe etwas höher als die dritte zu sein, und meine Messung bestätigt dies: Auf acht Meter genau zeigt mein GPS 322 Meter Höhe an, 58 Grad 14,352 Minuten Nord, 53 Grad 45,809 Minuten Ost. Wie die Karte nahelegt, bin ich auch von Anhöhe 3 zu 4 mehr nach Norden, aber sogar noch mehr nach Osten gewandert. Ich habe meine Schritte abgezählt und mich bemüht, Meterschritte zu machen: Von 3 nach 4 waren es 1080 Schritt.

Laut Karte soll Punkt 330,1 durch ein trigonometrisches Zeichen markiert sein. Ich sehe kein solches; es muß irgendwo im Birkenwäldchen versteckt liegen. Wenn ich auch jetzt keine Übersicht mehr habe, stehe ich doch Punkt 330,1 mindestens sehr nahe. Ziel also erreicht?"


 

Begegnung in der Einsamkeit

 

... hinaus zum höchsten Punkt Udmurtiens: 331 m

 

Bäuerin versucht die Gänse auf Spur zu halten.

 

Nach wildem Ritt durch den Morast

 

"Wo gibt es eine Verbindung hinüber nach Kuliga? Ich muß umständlich erst nach Glazow, dann dan Balezino, um mich von dort aus auf Nebenstraßen über Tscheptsa – Чепца – nach Kez – Кез – durchzuschlagen; anders kann man die Fahrt nicht bezeichnen, immer bedroht von schlammigen Strecken, in denen mein Opel hätte rettungslos steckenbleiben können.

Bei Balezino finde ich eine Schenke, die etwas zu essen verspricht. Das Bedienungsmädchen kichert, als ich von der handgeschriebenen Spreisekarte meine Bestellung ablese. Nur wenig kann ich in der Eile lesen, dazu ist die Schrift zu krakelig, und die Hälfte von dem, was da aufgelistet ist, haben sie sowieso nicht. Es geht also nicht ohne Sprechen ab, und dabei stelle ich mich noch dumm an. Eigentlich habe ich Grund zu kichern, oder wir kichern gemeinsam."


"Nacht fällt herein, während ich so fahre, und noch immer habe ich keine geeignete Übernachtungsstelle gefunden. Das wird auch heute nichts mehr, nicht in der Dunkelheit, und trotzdem versuche ich es. In Izhewsk finde ich noch wie durch ein Wunder auf die Straße nach Kasan, doch dann sterben die Schilder 'Казань' aus unerfindlichen Gründen aus und die Straße wird enger. Kaum ist mehr hier jemand unterwegs – ich muß mich mal wieder verfahren haben. Und wie zur Bestätigung tauchen im Scheinwerferlicht komische Vögel auf, die da auf der Fahrbahn sitzen und erst im letzten Moment schwerfällig wegfliegen. Ich bremse ab: Eulen! Ein ganzer Schwarm von Käuzen sitzt da; alle schauen mich mit großen, runden Augen an.

Da nehme ich den nächsten Feldweg zur Seite und stelle den Motor aus. Gute Nacht!"



Dieses Kapitel ist erhältlich als Teil von Buch R und

als CD mit pdf-Datei, 66 Seiten, davon 56 teilweise mit Bildern, Karten, Wegskizzen und/oder Höhenprofilen, in Plexiglas-Hülle,
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