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Von nun an geht's bergauf – Über Pinneberg und Pico auf die Gipfel Europas

Die Zusammenfassung von "Gipfel und Grenzen", das Destillat der Abenteuer dieser Wahnsinns-Reise zu den höchsten Punkten aller europäischen "unabhängigen" Länder, wurde von MALIK im PIPER-Verlag herausgegeben:

288 Seiten zuzüglich 9 Seiten Bildstrecke mit 43 Bildern

Hardcover: ISBN 978-3-89029-775-0, Euro 19,99; bzw. e-Book: ISBN 978-3-492-96681-8, Euro 15,99

 


 

Vorwort:
Der Vogel des Herrn Schaub


Mal ehrlich, kennen Sie Inguschetien? Nein? Wie steht es mit Baschkortostan, Kalmykien, Rockall, Tschuwaschien? Noch nie davon gehört?

Ein kleiner Trost vorweg: Sie sind nicht allein. Garantiert.

Wolfgang Schaub kennt diese Orte nicht nur vom Hörensagen. Er war schon dort, denn er hat die höchsten Punkte Europas bestiegen. Bei ihm bedeutet das: nicht nur die höchsten Berge der – je nach Zählweise – etwa 50 Staaten, sondern auch all der unabhängigen Regionen und Ländereien des so facettenreichen Kontinents. Unter “unabhängig” versteht Schaub unter anderem Gegenden, die einem Roman von Michael Ende entspringen könnten – Kalmykien, Tschuwaschien und Mordwinien etwa –, aber auch Helgoland, die Enklave Büsingen oder Memelland. Um all die Berge überhaupt einmal aufzulisten, stellte sich Schaub vor jedem Gipfelgang Fragen wie: Was ist Europa? Wann ist ein politisches Gebilde autonom? Wie finde ich den höchsten Punkt?

Viele Menschen, die davon erfahren, stellen sich dagegen höchstens Fragen wie: Hat der Mann einen Sprung in der Schüssel? Alle Nadeln an der Tanne? Oder doch einfach einen gewaltigen Vogel? Mir selbst ging es jedenfalls ein bisschen so, als ich Wolfgang Schaub für einen Beitrag in der “Süddeutschen Zeitung” einmal zu seinem Tun befragte.

Nun ist das mit dem Vogel im Oberstübchen so eine Sache. Allein die Geschichte des  Bergsteigens ist voll mit Menschen, die zu der Zeit ihres Wirkens, so gar nicht normal schienen. Im Jahre 1786 zum Beispiel bestiegen Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard als erste Menschen den Montblanc, den höchsten Berg der Alpen. Den beiden glückte diese Pionierleistung auch deshalb, weil sie nicht wie üblich aus geringer Höhe starteten, sondern den Mut besaßen, auf dem Gletscher zu übernachten. Komplett irre! Denn ein derartiges Biwak im Eis galt damals als garantiert todbringendes Vorhaben, was die beiden selbstverständlich widerlegten. Als Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff bestiegen, rangierten die beiden bei vielen irgendwo zwischen geistesgestört bis hochgradig suizidgefährdet. Beide avancierten anschließend zu zwei der gefragtesten Vortragsredner der Alpinszene. An der Voreingenommenheit der Menschen gegenüber neuen Ideen hat sich in rund 200 Jahren trotz all der Aufklärung und wissenschaftlicher Fortschritte also wenig getan.

Meistens ist es doch so: Jahre später werden jene Menschen, die gestern noch als verrückt galten, gerne als Visionäre verklärt, weil sie auf den Everest gerannt und, zum Südpol gewandert sind oder eine vorgestern noch völlig unmögliche Wand ohne Sicherung durchstiegen haben. Und interessanterweise definiert sich auch der Begriff “Abenteuer” maßgeblich über das Verlassen der eingetretenen Pfade, des gewohnten Umfelds und der üblichen Verhaltensformen. Was für die einen also völlig verrückt erscheint, ist die Vision und das Abenteuer des anderen.

Oder anders: Der Sprung in der Schüssel ist relativ.

Nun muss und kann auch nicht jeder dank Everest, Südpol oder Steilwand unsterblich werden. Ein Abenteuer, das Ausscheren aus dem, was gemeinhin als normal erachtet wird, funktioniert auch in kleineren Dimensionen. Im Harz gibt es beispielsweise einen Mann mit dem Künstlernamen Brockenbenno, der seit mehr als 20 Jahren auf den Brocken rennt. Fast täglich. Bei Regen, Schnee, Sturm. Er war inzwischen Tausende Male oben. Irgendwie scheint diese Sisyphusrolle eines Rentners die Menschen zu faszinieren, vielleicht weil er gerade mit dieser Routine einen Kontrast zum Hamsterradalltag bedeutet. Die Öffentlichkeit sucht die Nähe des Brockenbenno, erklärt ihn zum Vorbild, wenn auch nur indirekt: Er wurde gefilmt und befragt, wanderte mit Ministerpräsidenten und dem Messnerreinhold, erhielt die Ehrennadel des  Landes. Auf seiner Website hat der Brockenbenno ein Zitat von Heinrich Heine platziert: “Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.” Er kokettiert mit seinem Ausscheren aus der Norm. Er kann sich sicher sein: Keiner kennt den Berg wie ich. Ich bin ein Unikat.

Auch Wolfgang Schaub weiß, dass er als Rentner nicht mehr auf die höchsten Berge dieser Erde steigen kann. Es gibt Jüngere, Schnellere, Fittere. Aber ihnen deshalb die gesamte Spielwiese namens “Abenteuer” überlassen, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Grenzen, die das Alter setzt, immer weiter ausgedehnt und -getestet werden? Außerdem geht es Schaub weniger um die sportliche Herausforderung als um den Sammeltrieb. Und er braucht ein grôßeres Ganzes als Ziel bei seinem Ausscheren aus dem Hamsterrad, etwas, das er selbst als “eine Überschrift” bezeichnet. Hinzu kommt sein Faible für die Geografie, die Lust am Lesen von Landkarten. Während eines Vorhabens, bei dem Orte wie Inguschetien, Kalmykien oder Tschuwaschien eine Rolle spielen, bekommt das Studieren von Grenzen und Höhenlinien
einen ganz anderen Wert als bei einem Wanderweg im Bayerischen Oberland. Hinweistafeln und Pfade sind in vielen Regionen Osteuropas eher spärlich gestreut, und die Tourensammlung über “Die Hausberge Baschkortostans” wartet wohl noch in den Schubladen der hiesigen Verlage auf die Erstauflage. Jedenfalls ließ sich das Werk trotz eingehender Recherche des Autors dieser Zeilen selbst in der Originalsprache nicht auftreiben, von einer deutschen Übersetzung ganz zu schweigen.

Oft musste Schaub erst einmal den höchsten Punkt einer Region definieren. Das Finden seiner höchsten “Berge” und das Hinkommen in einem Subaru Libero oder Opel Combo – Transportmittel wie Hüttenersatz gleichermaßen – wurden zum wichtigen Teil des Abenteuers. Schaub tauchte zu versunkenen Kuppen, durchquerte Bärenreviere und schlich sich in militärische Sperrgebiete. Die Berge an sich? Sind nur noch Endpunkte und Ansporn, seine persönliche Überschrift gewissermaßen. Und so entwickelte sich Wolfgang Schaubs Vorhaben zu viel mehr als einem bloßen Abhaken einzelner Gipfel. Er selbst sagt: “Das Unternehmen wurde bald zu einer Beschreibung Europas in seiner ganzen Spleenigkeit.” Schaub darf sich sicher sein: Keiner hat Europa so entdeckt wie ich. Ich bin ein Unikat. Ich habe die eingetretenen Pfade verlassen.

Ja, Schaub ist ein Abenteurer.

Wie war der Satz des Heinrich Heine noch mal? “Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.” Vielleicht gibt es ja den ein oder anderen Leser dieses Buches, der Wolfgang Schaubs Leidenschaft nach der Lektüre ein bisschen besser nachvollziehen kann, es ihm vielleicht sogar nachtun will. Jedenfalls ist der Mann garantiert nicht viel schwerer zu verstehen als all jene, die mithilfe von Sherpas auf Achttausender hecheln oder sich am Sonntag in die Kolonnen auf die Münchner Hausberge einreihen.


                       FRÜHJAHR 2014, DOMINIK PRANTL, Süddeutsche Zeitung

 

 

 

 DIE ZEIT vom 6. Mai 2014 gibt eine Leseprobe als Auszug: 

http://www.zeit.de/reisen/2014-04/wolfgang-schaub-bergsteigen-freistaat-flaschenhals/komplettansicht

 

Unter der Hauptüberschrift “Bergsteigen europaweit” sind in der ALPINWELT, Heft 1/2015, auf Seite 27/28 meine  “Streifzüge durch die Berge Europas” erschienen: